Autismus in der Partnerschaft

Das Gerücht der „Beziehungsunfähigkeit“ gerade bei Asperger-Autisten hält sich nach wie vor hartnäckig in der Gesellschaft. Tatsächlich kommt es in diesem Bereich immer wieder zu besonderen Schwierigkeiten.

Da Autismus auch die Bereiche Kommunikation und Körpersprache umfasst, gestalten sich zwischenmenschliche Beziehungen oft kompliziert. Vor allem in der Partnerschaft können zusätzliche Herausforderungen entstehen.

„Ich denke, es macht einen großen Unterschied, ob man die Diagnose schon vor der Beziehung hatte oder nach Jahren der Ehe davon “überrascht” wird.

Ich bin auch noch mit Fibromyalgie, Endometriose, Migräne, Hypermobilitätssyndrom und wiederkehrenden Depressionen chronisch krank. Mein Mann macht alles mit, hilft und unterstützt wo er kann. Doch nun ist er an seine eigenen Grenzen gestoßen. Die Autismusdiagnose ist jetzt 9 Wochen her und er braucht Zeit um das auch noch zu verkraften. Im Augenblick verweigert er jedes Gespräch über den Autismus und will sich auch nicht informieren. Er sagt, er ist 17 Jahre mit mir klar gekommen und die Diagnose macht keinen anderen Menschen aus mir. Ich merke jedoch, dass einige Probleme, die wir regelmäßig miteinander haben, eben auf meinen Autismus zurückzuführen sind. Information würde dazu führen, dass wir anders, besser miteinander umgehen, was uns beiden den Stress reduzieren würde.

Für den Moment bleibt mir nur ihm seine Zeit zuzugestehen, abzuwarten und ab und an mal eine informative Bemerkung fallen zu lassen.

In manchen Punkten habe ich damit schon Erfolg gehabt und einiges ist jetzt bereits einfacher geworden. Für uns beide hoffe ich.“ (A)

Die Grundlage einer stabilen Beziehung ist Kommunikation. Dabei können vor allem Missverständnisse aufgrund unterschiedlicher Kommunikationsmuster auf der Tagesordnung stehen.

„Anfangs brauchten wir beide Zeit, um den anderen einschätzen zu lernen und das funktionierte ausschließlich durch Kommunikation in ruhigen Momenten. Eben die Reflexion, […], wenn etwas gut lief oder nicht so gut. Ich denke, das ist der wichtigste Weg, dass eine Beziehung gut funktioniert. Und dafür braucht es den richtigen Moment und dafür eben Geduld. Aber es funktioniert und es ist jetzt so viel besser als noch zu Beginn.“ (NT)

Die meisten Menschen kommunizieren auf vielen verschiedenen Ebenen. Neben den unterschiedlichen Sprachebenen zählen hier auch Körpersprache und Mimik. In all diesen Bereichen können Autisten leicht bis stark eingeschränkt sein. Beide Partner müssen deshalb eine gemeinsame Kommunikationsebene finden, um Missverständnisse zu vermeiden. Dabei ist vor allem das wörtliche Verständnis vieler Autisten eine Herausforderung für den neurotypischen Partner, der seine Kommunikation entsprechend anpassen muss.

„Mein Mann hat unseren Couchtisch aufgebaut. Als ich ins Zimmer kam, fragte er mich, was ich zu dem Tisch sagen würde. Ich sagte: ‚Hallo Tisch.’ Aufgrund seines Schweigens bemerkte ich, dass etwas anderes erwartet wurde und erweiterte meine Aussage zu ‚er ist weiß’. Mein Mann reagierte verletzt. Erst in einem klärenden Gespräch wurde mir klar, dass er Lob dafür erwartet hätte, den Tisch aufgebaut zu haben. Ich hingegen wunderte mich, warum ich plötzlich mit unseren Möbeln sprechen soll.“ (A)

Eine gelungene Kommunikation in der Partnerschaft sollte folgende Eigenschaften aufweisen:

  • Offenheit: Beide Seiten müssen dafür offen sein, dem anderen zuzuhören und seinen Standpunkt und seine Wahrnehmung zu akzeptieren. Gleichzeitig ist es nicht zielführend, die eigenen Bedürfnisse und Gefühle zu verschweigen, da diese sonst oft einfach nicht wahrgenommen werden können.
  • Ehrlichkeit: Schwierigkeiten und Missverständnisse sollten ehrlich angesprochen werden. Durch die Unterschiede in der nonverbalen Kommunikation gehen Bedeutungen oft verloren. Beide Partner sollten sich auf die Aussage des jeweils anderen verlassen können.
  • Direktheit: Im Zusammenhang mit Autismus bedeutet dies, dass vornehmlich auf der Informationsebene kommuniziert wird. Andere Ebenen sind für viele Betroffene schlicht nicht greifbar und nicht erlernbar. Dies bedeutet unter Umständen auch einen Verzicht auf Ironie, Sarkasmus, bewusste Doppeldeutigkeiten und Andeutungen, da diese eventuell nicht oder falsch verstanden werden.
  • Kompromissbereitschaft: Aufgrund unterschiedlicher Wahrnehmungen kann es vorkommen, dass beide Partner in einer Angelegenheit sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben. Solche Situationen sind nur zu lösen, wenn beide Seiten dazu in der Lage sind, aufeinander zuzugehen und einen für beide tragbaren Kompromiss zu finden.

„Vor allem die Ehrlichkeit in unserer Beziehung macht diese so wertvoll, denn wir sprechen alles offen an. Manchmal muss ich warten, bis mein Mann soweit ist, über Probleme sprechen zu können. Das fällt mir nicht immer einfach, weil ich ein “Sofortklärer” bin, aber ich weiß auch, dass er sich erst sortieren will. Ich bin auch eher diejenige, die manche Alltagsentscheidungen klar treffen muss, weil ein “ist mir egal” für ihn nicht hilfreich ist. Wäre mir manchmal anders lieber, aber zu Problemen führt das nicht. Grundsätzlich läuft es gut, weil wir einfach in ruhigen Momenten kommunizieren, was an einer Situation schwierig war oder was gut war. Dann können wir es das nächste Mal besser bzw. beibehaltend machen.

Es ist grundsätzlich aber immer eine Sache der Tagesform, sowohl der seinen, aber auch der meinen. Wenn es mir selbst nicht so gut geht, ist es für mich schwieriger, Geduld zu haben. Das spürt er. Manchmal traue ich mich auch nicht, zu sagen, dass es mir nicht gut geht, weil es ihm dann schlecht geht. Aber auch hierüber reden wir danach offen.“ (NT)

„Für mich ist das wichtigste Offenheit und Ehrlichkeit. Nur so können Missverständnisse schnell aus dem Weg geräumt werden. Die es bei mir in der Kommunikation mit anderen sehr häufig gibt. Ich habe das Glück, einen Partner gefunden zu haben, mit dem das sehr gut klappt.

Auch was sexuelle Nähe angeht ist er sehr rücksichtsvoll und drängt nicht. Nicht mal was das Küssen betrifft, das mach ich nicht gern. Auch das hab ich schon anders erlebt. Was ne ganz schöne Belastung für die Psyche ist.“ (A)

Körperliche und vor allem sexuelle Nähe wird von vielen Menschen als intensiv und angenehm empfunden und aktiv gesucht. Grade diese Intensität ist jedoch für viele Autisten problematisch. Manche Betroffene können Berührungen nicht ertragen, während andere diese intensiv benötigen. Vor allem die Berührungsaversion ist in einer Partnerschaft ein wiederkehrendes Thema, da sich hier die Bedürfnisse beider Partner sehr voneinander unterscheiden können. Auf lange Sicht gesehen ist hier ein Kompromiss zwingend notwendig, denn unerwünschte Berührungen werden von vielen Betroffenen als unangenehm und sogar schmerzhaft wahrgenommen. Der sexuelle Aspekt kann für neurotypische Partner sehr belastend sein. Hier ist besonders wichtig, sich immer vor Augen zu führen, dass dies keine Ablehnung des Partners darstellt sondern einzig der besonderen Wahrnehmung taktiler Sinnesreize auf Seiten des Autisten geschuldet ist.

Viele Betroffene brauchen Möglichkeiten des Rückzugs, wenn sie einer dauerhaften Reizüberlastung entkommen möchten. Dies kann durch räumliche Trennung innerhalb der Wohnung umgesetzt werden (z.B. ein eigenes Zimmer). Manchen helfen vor allem bei empfindlichem Schlaf getrennte Schlafzimmer und wieder andere Paare leben in getrennten Wohnungen. Eine Beziehung mit Autismus bedeutet auch, neue Wege zu finden und die Beziehung den Bedürfnissen beider Partner anzupassen.

„Wir beide wollen nicht erdrückt werden. Wir haben zwar sowohl ein gemeinsames Schlafzimmer als auch ein gemeinsames Wohnzimmer. Aber am Tag ist das eine sein Territorium und das andere meins. Entsprechend gehen wir uns nicht auf die Pelle und respektieren unsere Rückzugsorte. Ich finde das auch für mich äußerst angenehm, nicht nur für ihn. Wir wollen das beide so und besuchen einander sozusagen und sitzen nicht dauerhaft zusammen, wenn wir beide zuhause sind. Ich bin überzeugt, das hat sehr viele Problemquellen von vornherein erstickt.“ (NT)

Viele Betroffene brauchen feste Routinen und vor allem Planbarkeit in ihrem Alltag. Spontane Veränderungen oder Überraschungen lösen Angstgefühle und innere Lähmung bis hin zur Panik aus, auch wenn die Überraschung an sich etwas Schönes beinhaltet. Hier ist es nötig, frühzeitig über Veränderungen zu informieren und dem Partner Zeit zu lassen, die eigene Planung anzupassen. Für manche Betroffene sind spontane Unternehmungen nicht möglich. Hier ist wichtig, sehr aufeinander zu achten, denn die Grenzen sind hier sehr individuell und tagesformabhängig.

„Herausfordernd ist, dass ich gerne spontan etwas unternehme und das nicht immer möglich ist. An tollen Tagen klappt es super, an anderen Tagen überfordert es. Ich versuche das einzuschätzen, so gut es geht. Treffen mit Freunden nicht aufeinander folgen zu lassen und große Ansammlungen zu vermeiden. Aber ich mag selbst schon keine großen Menschenmengen, daher passt das.“ (NT)

Das Allerwichtigste in jeder Partnerschaft ist jedoch gegenseitiges Verständnis und Vertrauen. Eine Beziehung zwischen neurotypischen und autistischen Partnern birgt viele Herausforderungen. Mit Verständnis für die Eigenarten des Partners lassen sich jedoch viele Missverständnisse klären und Hindernisse beseitigen.

„[…] Oder wenn der Partner kein Verständnis zeigt und man sich deshalb nicht traut über seine Eigenarten zu reden. Aus Angst ausgelacht zu werden oder dass es nur heißt ‚Übertreib mal nicht’ oder ‚Reiß dich mal zusammen’.“ (A)

Leider lässt sich nicht immer eine Lösung finden. Für manche Betroffene endet dies letztendlich in Einsamkeit, da ihre Kraft für weitere Versuche schlicht nicht mehr ausreicht.

„Schlussendlich bin ich nun an dem Punkt, dass meine Angst vor einer weiteren Beziehung so groß ist, dass ich inzwischen einen richtigen Ekel gegen alle möglichen Dinge, die zu einer Beziehung dazu gehören, entwickelt habe. Es ist für mich unvorstellbar, mich jemals wieder an jemanden zu binden.“ (A)

Wenn eine Beziehung zwischen autistischen und neurotypischen Partnern jedoch gelingt, kann sie für beide eine große Bereicherung darstellen.

„Wirklich schön finde ich auch, dass mein Mann mich einfach nimmt, wie ich bin. Er sagt nicht ständig “Ich liebe Dich”, aber er zeigt mir seine Zuneigung jeden Tag durch kleine Gesten, Aufmerksamkeiten in seinen Worten, dadurch, dass er mich immer ernst nimmt. Oftmals sind seine Aussagen so überraschend, dass es sie noch viel wertvoller macht.

Ich kann mich auch immer auf seine Entscheidungen verlassen. Hat er etwas für sich entschieden, dann kann ich sicher sein, dass er das für sich ausbalanciert hat und dahinter steht. Da gibt es auch keine Diskussion, wie es bei manch anderen Menschen der Fall ist, die ihre Aussagen dann auch zu vergessen scheinen. Ich schätze das sehr und hoffe, dass ich ihm das zurückgeben kann. Wir ergänzen uns in sehr vielen Dingen, was es einfacher macht. Seine analytische Art ergänzt mein kleines Kreativchaos sozusagen und meine soziale Ader ergänzt seine Logik. Aufgaben, die mir too much sind, sind für ihn kein Problem, und Dinge, die ihm schwerfallen, übernehme ich gerne.

Ich glaube, das ist das Geben und Nehmen auf beiden Seiten, das unsere Beziehung harmonisch sein lässt. Wir versuchen beide, auf den anderen zuzugehen und ihn zu verstehen. Ich könnte die Fragen oben nicht eindeutig beantworten, wie das Aufeinanderzugehen funktioniert, weil es mal von der einen Seite mehr ist und dann von der anderen. Ich glaube, dass mein Mann auch viel in Kauf nimmt, damit ich glücklich bin, wie ich Dinge in Kauf nehme, dass er glücklich ist. Aber eine Beziehung besteht in den meisten Fällen aus Kompromissen, bei den einen mehr, bei den anderen weniger. Aber es funktioniert, wenn man einander liebt und schätzt.“ (NT)

 

Abkürzungen:
A=Autist
VA=Verdachtsautist
NT=neurotypischer Mensch

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