Entschuldigung, aber meine Löffel sind aufgebraucht…

Im Jahr 2003 schrieb die Bloggerin Christine Miserandino in ihrem Blog (butyoudontlooksick.com; ließ sich bei der Veröffentlichung dieses Textes leider nicht mehr öffnen) über ihr Leben mit Lupus erythematodes, einer chronisch entzündlichen Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem körpereigenes Gewebe angreift. Ein prägendes Symptom dieser Erkrankung ist ein immenses Gefühl chronischer Erschöpfung und Müdigkeit.

Miserandino beschreibt auf sehr anschauliche Weise, wie sich ihr Energiehaushalt von dem „gesunder“ Menschen unterscheidet. Als Metapher nutzt sie eine Hand voll Löffel. Als chronisch kranker Mensch wacht sie morgens mit einer festen Anzahl an Löffeln auf, und jede Tätigkeit zwingt sie dazu, einen oder mehrere davon abzugeben. Aufstehen? Ein Löffel. Zähne putzen? Ein Löffel. Frühstücken? Das wären dann bitte gleich drei Löffel. Über den Tag verteilt gibt sie so einen Löffel nach dem anderen ab, bis schließlich keine Löffel mehr übrig sind – die Energie ist aufgebraucht.

Menschen ohne entsprechende Einschränkungen wachen zwar ebenfalls mit Löffeln auf, ihre Löffel sind jedoch gefühlt unbegrenzt oder lassen sich schnell wieder auffüllen. Erster Kaffee – zack, drei Löffel mehr. Für Menschen, die unter chronischer Erschöpfung leiden, ist die Anzahl der vorhandenen Löffel hingegen stark begrenzt. Jeder Akt kostet Kraft. Erneuern können sich Löffel nur durch Ruhe und Schlaf. Sind sie aufgebraucht, geht nichts mehr.

Dieses sehr anschauliche Bild wurde schnell aufgegriffen und findet sich heute oft in Nebensätzen wieder. „Meine Löffel sind alle“ oder „ich muss mir meine Löffel einteilen“ sagen mit wenigen Worten genau das: Die persönliche Energie ist am Limit angekommen.

Beliebt ist dieses Bild auch deshalb, weil es auf viele Zustände anwendbar ist. Chronische Erschöpfung ist Teil zahlreicher komplexer Erkrankungen, und auch Phänomene wie Autismus oder ADHS können aufgrund von extremer Reizoffenheit zu intensiver Ermüdung führen. Deshalb hat dieses Bild auch in der autistischen Gemeinschaft Fuß gefasst. Neben der Löffeltheorie gibt es weitere Modelle, die den Energiehaushalt verdeutlichen sollen. Sehr verbreitet ist das Bild der inneren Batterie, die sich den Tag über entlädt. Im medizinischen Bereich wird von „Pacing“ als Technik gesprochen, und gerade unter jüngeren Menschen gewinnt der Gaming-Vergleich der XP (Erfahrungspunkte) immer mehr an Beliebtheit.

All diesen Modellen ist gemein, dass sie versuchen, den individuellen Energiehaushalt eines Menschen anschaulich zu machen. Denn tatsächlich ist es schwer, Energiezustände zu vergleichen: Es handelt sich um zutiefst subjektive Faktoren, für die es keine klar umrissene Alltagssprache gibt. Metaphern sind deshalb ein wichtiges Hilfsmittel. Besonders für autistische Menschen kann ein solcher Vergleich sehr hilfreich sein, weil man Einschränkungen bei Autismus oft nicht auf den ersten Blick sieht. Dadurch fällt es Betroffenen umso schwerer, ihren Zustand der Erschöpfung zu kommunizieren. Gleichzeitig hilft eine greifbare Metapher auch ihnen selbst, ihren Energiehaushalt zu verbildlichen und bewusster damit umzugehen.

Ein so klares Bild erleichtert es zudem, Gespräche über Energie und Energiemangel überhaupt erst in die Alltagssprache zu integrieren. Es schafft ein besseres Bewusstsein dafür, wie unterschiedlich Energiehaushalte ausgeprägt sein können und welche Einschränkungen sich daraus ergeben.

Gerade deshalb ist es lohnenswert, in besonders reizintensiven Zeiten bewusst auf die eigenen Löffel zu achten. Die Vorweihnachtszeit mit ihren Erwartungen, Terminen und Sinnesreizen kann enorm löffelzehrend sein. Vielleicht ist es daher gerade jetzt ein guter Moment, achtsam zu prüfen, wie viele Löffel man wirklich hat und sie mit etwas Liebe und Nachsicht einzuteilen.

Denn manchmal ist das Schönste, was man sich zu dieser Zeit schenken kann, schlicht ein paar Löffel mehr für sich selbst.

Menü