Temperaturempfinden und Autismus

Ich liebe die Kälte.

Und mit Kälte meine ich nicht fünf Grad Celsius bei Nieselregen auf dem Weg zum Einkaufen.

Nein.

Ich meine „echte Kälte“. Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Minus 20, minus 30 Grad Celsius. Temperaturen, in denen wir ungeschützt nicht lange überleben könnten. Klirrende Kälte, die durch Mark und Bein geht und im Gesicht und in der Lunge brennende Spuren hinterlässt. Diese Kälte ist für mich eine der extremsten körperlichen Sinneserfahrungen, die ich je machen durfte – und eine der allerschönsten. Wenn die Kälte meine Haut brennen lässt, dann spüre ich mich selbst. Ich nehme meinen Körper so intensiv in seinen Grenzen wahr wie zu keinem anderen Zeitpunkt. Ich weiß nicht nur, wer ich bin, sondern auch, wo.

Kälteempfinden ist dabei etwas, das häufig im Zusammenhang mit Autismus auftaucht und erstaunlich variabel ausgeprägt sein kann. Sinnesempfinden zeigt sich bei Autismus generell oft sehr extrem; in beide Richtungen. Sinne können hypersensibel sein, aber ebenso hyposensibel. Was für einen Autisten unerträglich ist, ist für einen anderen ein wichtiges Bedürfnis.

Kälte ist ein Faktor, der diese Spannweite gerade im Winter besonders sichtbar macht. Manche Autisten leiden stark unter extremen Temperaturen. Andere scheinen sie kaum wahrzunehmen oder suchen sie aktiv auf. Auffällig wird das besonders, wenn Kleidung nicht zur „allgemeinen Wetterwahrnehmung“ zu passen scheint: Weihnachtsmarkt im T-Shirt, kurze Hosen beim Neujahrsfeuerwerk. Das fällt auf und sorgt oft für Unverständnis.

Dabei kann es gerade im neurodiversen Spektrum eine Vielzahl an Gründen für eine solche Kleidungswahl geben. Manche empfinden Kälte schlicht als angenehm und setzen sich ihr bewusst aus. Anderen fällt es schwer, sie überhaupt wahrzunehmen. Wieder andere spüren sie zwar, können sie aber aufgrund von Verzögerungen oder „Übersetzungsfehlern“ in der Reizverarbeitung nicht richtig einordnen. Während Kälte für die einen regulierend und erdend wirkt, führt sie bei anderen zu Überreizung und im schlimmsten Fall zu einem Zusammenbruch.

Gerade bei Kindern wird Verhalten, das aus einem anderen Kälteempfinden entsteht, besonders häufig missverstanden. Winterkleidung ist für viele autistische Kinder bereits sensorisch eine Belastung: dicke Stoffe, kratzige Nähte, eng anliegende Bündchen, steife Materialien. Dazu kommt der komplexere Ablauf beim Anziehen im Vergleich zum Sommer, der schnell überfordern kann. All das kann dazu führen, dass Kinder Kleidung ablehnen oder länger brauchen. Nicht aus „Widerspruch“, sondern weil sie an Grenzen stoßen.

Natürlich ist es wichtig, die Gesundheit von Kindern und uns selbst zu schützen, besonders dann, wenn Kälte nicht zuverlässig eingeschätzt oder erkannt werden kann. Gleichzeitig lohnt es sich, eigene unbewusste Stigmata rund um „wintertaugliche Kleidung“ zu hinterfragen. Kleidung ist immer auch ein sensorisches Hilfsmittel und kein moralischer Maßstab.

Es kann interessant sein, sich bewusst zu machen, dass Menschen Kälte ganz unterschiedlich wahrnehmen. Vielleicht empfinden wir an unserer Stelle als unangenehm, was für andere normal oder sogar angenehm ist. Aus ihrer Perspektive könnte es umgekehrt genauso sein – und genau das macht unsere individuellen Erfahrungen so vielfältig.

Für Betroffene kann der Winter sogar eine Gelegenheit sein, das eigene Temperaturempfinden bewusst zu erkunden. Was fühle ich wirklich? Ist die Kälte angenehm? Lasse ich sie einfach an mir abperlen? Oder fällt es mir schwer, sie überhaupt zuzuordnen? Welche Kleidung unterstützt mich mit meinen sensorischen Bedürfnissen? Und wie kann ich mich so kleiden, dass es mir gut geht statt nur gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen?

Wer Kälte einmal bewusst erleben möchte, dem empfehle ich die Kältekammer im Klimahaus Bremerhaven. Dort herrscht ganzjährig antarktischer Sommer bei minus sechs Grad Celsius. Durch den Wechsel der Klimazonen in der Ausstellung lässt sich kontrolliert und im direkten Vergleich spüren, wie sich Temperaturen und Luftfeuchtigkeit auf das eigene Empfinden auswirken. So kann man im Rahmen einer informativen Ausstellung üben, Sinneseindrücke einzuordnen, zu bewerten und dabei herausfinden, was einem selbst gut tut – und wovor man sich eher schützen sollte.

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