Safe-Foods: Verlässlichkeit und Sicherheit
In einer Welt voller Reize, die ununterbrochen auf uns einprasseln, braucht es manchmal einen ruhenden Punkt; etwas Vertrautes, Berechenbares und Beständiges. Etwas, das nicht überlastet und Sicherheit gibt.
Viele Autisten finden diese Sicherheit in Lebensmitteln, die bestimmte Kriterien erfüllen: den sogenannten „Safe-Foods“. Während sie individuell sehr unterschiedlich sein können, zeigen sich oft doch Gemeinsamkeiten. Safe-Foods sind in der Regel wenig komplex, gleichbleibend, sensorisch nicht überfordernd und gut vorhersehbar.
Wenn man zehn Kekse aus einer Packung isst, schmeckt jeder einzelne gleich. Und auch morgen werden dieselben Kekse wieder gleich schmecken. Daraus entsteht eine stabile Erwartung, die dank industrieller Mischverhältnisse und Qualitätskontrollen jedes Mal aufs Neue bestätigt wird.
Isst man hingegen zehn Heidelbeeren, erlebt man zehn verschiedene sensorische Eindrücke. Manche schmecken süß, manche fast unerträglich sauer, andere sind etwas mehlig. Auch die Konsistenz ist unberechenbar: mal saftig, mal matschig, mal platzt die Beere beim Reinbeißen. Früher oder später erwischt man zwangsläufig eine Heidelbeere, die man als unangenehm empfindet.
Doch selbst wenn man Heidelbeeren eigentlich mag und einzelne Ausreißer tolerieren kann, bleibt die sensorische Unsicherheit bestehen. Man weiß nie, welche Erfahrung die nächste Beere mit sich bringen wird. Heidelbeeren sind unzuverlässig. Sie bieten keine Sicherheit. Für Menschen, die empfindlich auf Variationen in Lebensmitteln reagieren, können sie sogar Angst auslösen.
Gerade beim Obst finden sich viele Sorten, die sensorisch herausfordernd sind. Bananen sind geschmacklich recht verlässlich, dafür haptisch oft schwierig. Erdbeeren sind in ihrer Konsistenz meist vorhersehbar, geschmacklich aber enorm variabel. Und wer eine Weintraube isst, kann höchstens innerhalb dieser einen Traube mit ähnlichen Beeren rechnen; beim nächsten Bündel beginnt gewissermaßen ein kleines Glücksspiel.
Fun Fact: „Weintraube“ bezeichnet das gesamte Bündel der Früchte. Die einzelnen Früchte heißen korrekterweise „Weinbeeren“. Und streng genommen sind „Weintrauben“ auch keine Trauben, denn „Trauben“ sind Blütenstände wie die der Glattbrillenschötchen. Bei Weintrauben handelt es sich eigentlich um Rispen.
Sehr häufig sind Safe-Foods daher verarbeitete Lebensmittel, die Gleichheit garantieren. Nudeln, Toastbrot, Chicken Nuggets, Ketchup oder Schokocreme bieten Beständigkeit und lassen sich meist unkompliziert zubereiten. Doch selbst hier lauern Fallstricke: Penne sind nicht Spaghetti, Vollkorn schmeckt anders als Dinkel, Chicken Nuggets gibt es in zahllosen Varianten und auch der Geschmack von Ketchup oder Schokocreme ist markenabhängig. Wenn das Safe-Food „Penne“ ist, dann sind es eben genau Penne und nicht „irgendeine Pasta“. Das unterscheidet ein Safe-Food von einem Lieblingsessen.
Ich liebe Nudeln. Aber Nudeln sind nicht mein Safe-Food. Ich esse fast alle Sorten gerne (außer Spaghetti), mag fast jede Soße, und obwohl ich Nudeln sehr bissfest bevorzuge, kann ich jede Konsistenz tolerieren. Nudeln sind mein Lieblingsessen, und das verstehen auch die meisten allistischen Menschen. Fast jeder hat Lieblingsgerichte, die er gerne, oft und mit Begeisterung isst. Aber es ist kein Drama, wenn dieses Essen einmal etwas anders schmeckt oder gerade nicht verfügbar ist.
Mein Safe-Food war seit meiner frühen Kindheit Nutella. Jeden Morgen habe ich ein Nutellabrot gegessen; zuverlässig bis November 2017. Für meine Eltern war das manchmal eine Herausforderung, denn ohne Nutella habe ich einfach nicht gegessen. Vor allem im Urlaub wurde das schnell zum Problem. Das Nutellaglas reiste daher immer mit.
Im November 2017 kam es für mich zu einem der schlimmsten Einschnitte in mein alltägliches Sicherheitsempfinden abseits echter Bedrohung. Ich nahm früh morgens im Halbdunkel ein neues Glas aus dem Schrank, öffnete es, bestrich mein Brötchen, biss hinein und spuckte alles entsetzt in die Spüle. Das Nutella schmeckte falsch. (Fun Fact: Alle drei Artikel für Nutella sind grammatikalisch korrekt.) Zunächst hoffte ich, dass das Glas einfach nur verdorben war. Doch ein Vergleich mit dem Vorgängerglas zeigte deutlich: Das neue Nutella war heller, und ein Blick auf die Zutatenliste bestätigte meine Befürchtungen. Die Rezeptur war geändert worden.
Die meisten Menschen haben diese Anpassung kaum wahrgenommen. Objektiv betrachtet hat sich der Geschmack nur leicht verändert. Doch diese kleine Veränderung reicht für jemanden, der auf die absolute Zuverlässigkeit dieses Lebensmittels angewiesen ist, vollkommen aus, um das gesamte Sicherheitsempfinden zu erschüttern.
Bemerkt wurde die Änderung vor allem von Menschen, deren Safe-Food plötzlich nicht mehr sicher war, und von Eltern, deren Kinder schlagartig ihr Frühstück verweigerten. Die Reaktionen der Hersteller und großer Teile der Öffentlichkeit waren ernüchternd. „Schmeckt laut Testern gleich“, hieß es offiziell. Es sei nur von einer „minimalen Rezeptanpassung“ die Rede. Für mich bedeutete diese „Minimalanpassung“, bei der ein Teil des Kakaopulvers durch Magermilchpulver ersetzt wurde, zwei Jahre Verlust von Sicherheit. So lange hat es gedauert, bis ich einen Ersatz gefunden hatte, dem ich wieder vertrauen konnte. Mein Essverhalten war in dieser Zeit chaotisch und angespannt. Der Wegfall eines Safe-Foods ist keine kleine Unannehmlichkeit. Er ist der Einbruch einer stabilisierenden Struktur. Er erzeugt Ängste und Blockaden und ist oft nur schwer zu kompensieren.
Diese Tragweite ist in der Gesellschaft wenig bekannt und stößt auch selten auf Verständnis.
Deshalb ist es wichtig, über solche Erfahrungen zu sprechen, um mehr Bewusstsein für die Bedeutung von Safe-Foods zu schaffen. Für Außenstehende wirken sie oft banal, doch für Betroffene sind sie ein essenzieller Bestandteil innerer Stabilität. Das gilt besonders, aber nicht ausschließlich, für autistische Menschen. Safe-Foods sind keine Spielwiese für Experimente. Gerade bei Kindern wird häufig versucht, über vermeintliche „Lieblingslebensmittel“ das Essverhalten zu erweitern: andere Nudeln, andere Soßen; „aber es sind doch Nudeln, die magst du doch!“ Dabei wird übersehen, dass solche Eingriffe für autistische Kinder und Erwachsene massive Verunsicherung auslösen können. Oft verlieren Betroffene dadurch eher ihr Safe-Food, statt ihre Lebensmittelauswahl zu erweitern. Verständnis dafür existiert jedoch selten.
Umso wichtiger ist es, Safe-Foods als das anzuerkennen, was sie sind: ein persönlicher Ankerpunkt. Mehr Akzeptanz und Toleranz im Umgang mit individuellen Lebensmittelbedürfnissen, besonders im neurodiversen Kontext, stärkt nicht nur das Wohlbefinden einzelner Menschen, sondern auch das gegenseitige Verständnis. Und letztlich profitieren wir alle von einer Welt, in der Platz ist für unterschiedliche Wahrnehmungen und Wege der Selbstregulation.


