„You know how people have these little habits that get you down
Like Bernie,
Bernie, he liked to chew gum, no, not chew, Pop!
So I came home this one day and I′m really irritated
And I’m looking for a lil’ bit of sympathy
And there′s Bernie layin′ on the couch, drinkin’ a beer and chewin′
No, not chewin’, poppin′!
So, I said to him, I said
“You pop that gum one more time”
And he did“
Cell block Tango – Chicago
Misophonie – Wenn Geräusche wütend machen
Das Musical „Chicago“ (John Kander/Fred Ebb) spielt in den 1920er-Jahren im Frauengefängnis von Chicago. Der gewiefte Anwalt Billy Flynn hilft Frauen, nach einem Mord freigesprochen zu werden, indem er geschickt die öffentliche Meinung manipuliert und sie als Opfer darstellt. Im Lied „Cell Block Tango“ schildern die Frauen ihre Geschichten auf humorvoll übertriebene Art, die immer darauf hinausläuft, dass sie im Grunde zu ihren Taten gezwungen waren. Eine der sechs Frauen ist unschuldig – leider spricht sie kein Englisch. Bei vier Frauen spielt Untreue eine große Rolle. Ein Text fällt jedoch etwas aus dem Rahmen. Das Mordmotiv? Kaugummi.
Natürlich ist dieses Lied humoristisch extrem überzogen und steht in keinem Verhältnis zu irgendeiner Realität. Interessanterweise hat aber gerade diese Strophe einen „wahren“ Kern. Der Auslöser ist nicht wirklich der Kaugummi selbst. Es ist ein wiederkehrendes, menschengemachtes Alltagsgeräusch, das zu extremer Irritation und Wut führt, bis es schließlich nicht mehr ertragen werden kann.
In der wirklichen Welt nennt man dieses Phänomen „Misophonie“, und gerade im autistischen Spektrum ist es häufig anzutreffen. Misophonie kann allerdings auch alleinstehend auftreten. Während es Hinweise auf neurobiologische und psychologische Ursachen gibt, ist die tatsächliche Ursache noch nicht geklärt. Im Gegensatz zum eher amüsanten Tonfall des Liedes ist das Leben mit Misophonie für Betroffene oft eine enorme Belastung, die sich auf alle Bereiche ihres Alltags, ihres Familienlebens und ihres Berufslebens auswirkt.
Misophonie ist dabei keine allgemeine akustische Geräuschempfindlichkeit. Die Geräusche müssen weder besonders laut sein noch in bestimmten Frequenzen stattfinden, wie es bei Hyperakusis der Fall wäre. Typische Auslöser sind zum Beispiel Atemgeräusche, Räuspern, Schmatzen, Tippen, das Öffnen von Tüten und ähnliche Alltagsgeräusche, die meist von anderen Menschen erzeugt werden. Oft stören diese Geräusche allerdings nicht, wenn sie von Betroffenen selbst verursacht werden.
Die Reaktion auf diese Geräusche ist bei Misophonie eine sofortige emotionale Abwehrreaktion, die in ihrem Wesen nicht kontrollierbar ist. Für viele Menschen mit Misophonie fühlt es sich so an, als würde das Geräusch direkt ins Nervensystem treffen. Der Körper spannt sich an, das Herz schlägt schneller, und jede Sekunde, in der das Geräusch weitergeht, wirkt wie ein Tropfen zu viel in einem ohnehin übervollen Glas. Man weiß, dass die eigene Reaktion übertrieben erscheint, und doch lässt sie sich nicht willentlich stoppen. Es ist kein Ärger, der sich beruhigen lässt, sondern ein reflexartiger Alarmzustand.
Gerade im familiären Umfeld kann Misophonie zu enormem Stress führen. Die Personen, die das Geräusch verursachen, tun das in der Regel nicht absichtlich. Manche Dinge wie Atmen, Schlucken oder gelegentliches Räuspern lassen sich schlicht nicht vermeiden. Gleichzeitig können Betroffene nicht steuern, welche intensiven Gefühle diese Geräusche in ihnen auslösen. So stehen sich zwei Seiten gegenüber, die beide nichts dafür können. Kompromisse zu finden ist schwer, weil der Auslöser unwillkürlich passiert und die Reaktion darauf ebenso unwillkürlich entsteht.
Ein hilfreicher Anfang ist deshalb, dass alle Beteiligten verstehen, was hier eigentlich geschieht. Zu wissen, dass sich die heftigen Gefühle nicht gegen die Person richten, sondern gegen das Geräusch, kann viel Druck herausnehmen. Und auch Betroffenen hilft es, einordnen zu können, dass ihre Reaktion auf ein bekanntes, beschriebenes Phänomen zurückgeht.
Es gibt einige Strategien, die den Alltag mit Misophonie erleichtern können. Manchen schafft bereits das Tragen von Noise-Cancelling-Kopfhörern Entlastung. Aber auch das leise Abspielen selbst gewählter Musik oder Klänge kann hilfreich sein. Bei spezifischen Geräuschen lassen sich manchmal leisere oder andere Alternativen finden. Wenn das Tippen einer Tastatur das Problem ist, gibt es eventuell leisere Modelle auf dem Markt. Chips können vor dem Essen in Schüsseln umgefüllt werden, wodurch das Rascheln der Tüte beim Verzehr wegfällt. Wenn Emotionen zu viel werden, können Ruhezeiten und Rückzugsmöglichkeiten Entspannung bringen. Da die Trigger allerdings sehr individuell ausfallen, sind vor allem Kommunikation und die Bereitschaft, aufeinander einzugehen, letzten Endes entscheidend für den Umgang mit Misophonie.
Am Ende erinnert Misophonie uns daran, wie unterschiedlich Menschen die Welt wahrnehmen. Was für die einen kaum bemerkbar ist, kann für andere eine überwältigende Belastung sein. Offenheit für diese Unterschiede ist entscheidend. Nur wenn wir bereit sind, den Schilderungen anderer Menschen zu glauben, auch wenn wir sie selbst nicht so erleben, können wir gemeinsam einen Umgang finden, der für alle Seiten respektvoll und konstruktiv ist.
Zum Schluss sei noch gesagt, dass das eingangs gewählte Beispiel mit einem großen Augenzwinkern zu verstehen ist und keinerlei echte Verbindung zu Betroffenen hat. Es bot sich lediglich als Einleitung an, weil es sehr bildgewaltig Emotionen aufzeigt, die bereits kleine Alltagsgeräusche mitunter auslösen können.


