Wenn die Kraft fehlt

„Das, was für den einen ein kleiner Schritt ist, kann für jemand anderen eine kaum überwindbare Hürde darstellen.“

Hinter der fünften Tür dieses Adventskalenders verbarg sich ein Beitrag zur Selbstwirksamkeit und dem Gedanken: „Ich schaffe das!“. Doch was, wenn das nicht der Fall ist? Wenn Blockaden zu mächtig sind und nicht überwunden werden können?

Telefonieren ist toll. Man kann in Echtzeit Informationen austauschen, einander fast jederzeit erreichen und dank der Erfindung des Handys und des Satellitentelefons auch von nahezu jedem Ort der Welt aus andere anrufen.

Ich kann das nicht – zumindest heute nicht.

Wenn ich das Menschen sage, reagieren viele mit Unverständnis. Andere versuchen, mir Mut zu machen oder bieten mir sogar an, gemeinsam mit mir zu üben. Das ist lieb gemeint, aber es verfehlt die Problematik; und die ist schwer zu erklären.

Ich habe keine Angst vor dem Telefonieren. Mir ist völlig klar, wie man ein Telefon benutzt. Ich kann mich verbal gut ausdrücken. Früher konnte ich auch telefonieren, und ich habe viele schwierige Dinge auf diesem Weg klären können.

Heute ist das anders. Zu wissen, dass ein Telefonat ansteht, versetzt mich und meinen Körper in einen permanenten Alarmzustand, aus dem es kein Entkommen gibt. Allein der Gedanke daran ist eine konstante Belastung, die mein Denken lähmt. Das Klingeln meines Telefons fühlt sich für mich an wie ein Überfall in meiner eigenen Wohnung – einem Ort, der doch eigentlich sicher sein sollte!

Dabei war Telefonieren noch nie einfach für mich. Auch früher schon empfand ich Telefonate als Belastung. Vor jedem Telefonat musste ich planen. Ich habe mir Notizen gemacht, Gesprächsverläufe im Kopf durchgespielt und Was-wäre-wenn-Szenarien entworfen. Der Stress wurde dadurch aber nicht geringer. Doch es gab immer wieder Phasen in meinem Leben, in denen ich die Kraft hatte, die Belastung und die Unsicherheit, die für mich mit einem Telefonat verbunden sind, zu tragen.

Diese Kraft habe ich heute nicht mehr. In meinem Leben stand ich immer wieder vor Hürden, die ich nehmen musste und die meiner Kraft nach und nach immer stärker zugesetzt haben. Mein über Jahrzehnte nicht erkannter Autismus und das damit verbundene völlige Ausbleiben von Unterstützung haben mich mürbe gemacht. Gerade beim Telefonieren musste ich immer wieder die Erfahrung machen, dass Ergebnisse ausblieben. Telefonate mit Ämtern, Ärzten, Schulen und anderen Stellen kosteten mich stets Kraft, doch von Mal zu Mal wurde es schwerer, diese Kraft aufzubringen.

Was mir heute an Kraft geblieben ist, reicht kaum noch für meinen Alltag; und hier brauche ich sie vor allem für meine Kinder. Vieles, das früher einmal ging, geht heute nicht mehr. Auch damals gab es Phasen, in denen Dinge nicht funktionierten, und Phasen, in denen ich mehr Kraft hatte. Aber seit mehreren Jahren befinde ich mich in einer Phase, in der meine Kraft nur noch zu schwinden scheint.

Unsicherheit und Planungsschwierigkeiten machen Telefonieren für viele Autisten zu einer Herausforderung, aber fehlende Kraftreserven können es zu einer unüberwindbaren Hürde werden lassen. Gerade spät diagnostizierte Autisten blicken auf ein Leben zurück, das in erster Linie aus kräftezehrenden Kämpfen und Hindernissen bestand. Nicht selten entwickeln Betroffene Depressionen oder rutschen in den Burnout. Immer häufiger ist vom „autistischen Burnout“ zu lesen; einem klinisch normalen Burnout, der jedoch nicht durch akute Stressbelastung, sondern durch langjährige, schleichende Überforderung aufgrund des autismusbedingten hohen Kraftverbrauchs entsteht. Und je später die Diagnose erfolgt, desto größer wird die tiefgreifende Erschöpfung, unter der viele Autisten leiden.

Die gesellschaftliche Akzeptanz für diese Art der Erschöpfung und des „Nicht-Könnens“ eigentlich technisch überschaubarer Tätigkeiten ist leider sehr gering. Vielen fehlt es an der Vorstellung, wie sehr sich dauerhaftes Erschöpftsein auf die tatsächlichen Fähigkeiten eines Menschen auswirken kann. Auch die Anstrengung, die vermeintlich einfache Tätigkeiten auslösen können, entzieht sich dem Verständnis vieler.

Gleichzeitig fehlt es oft an treffenden Worten, die die Problematik wirklich beschreiben können. „Ich kann nicht telefonieren“ ist in diesem Fall zwar faktisch korrekt – aber er ist mehrdeutig. Die meisten Menschen erkennen in diesem Satz nicht die Tragweite, die er für Betroffene tatsächlich hat.

Hilfsangebote, die auf die Fähigkeit selbst abzielen, verfehlen wie eingangs erwähnt ihren Zweck. Schlimmer noch: Sie verharmlosen die Problematik, und Betroffene fühlen sich in ihrem Erleben nicht ernst genommen. Frust, Wut und Enttäuschung, aber auch Scham und Verzweiflung sind für Betroffene oft die Folge – was wiederum die Problematik verstärken und wirkliche Hilfen blockieren kann.

Wirklich hilfreich können dagegen Menschen sein, die zuhören, glauben und verstehen wollen. Menschen, die die geschilderte Belastung ernst nehmen, auch wenn sie sie nicht selbst nachempfinden können. Entlastung etwa durch das Übernehmen von Telefonaten, das Bereitstellen klarer Strukturen oder das Vermeiden spontaner Anforderungen zu schaffen kann enorm viel Druck nehmen. Ebenso wertvoll sind Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit im eigenen Verhalten, denn sie geben Sicherheit in Situationen, die sich für Betroffene sonst chaotisch und unkontrollierbar anfühlen. Erwartungshaltungen hingegen, gerade unausgesprochene, verstärken den Druck oft zusätzlich und machen die Hürde noch höher.

Hinzu kommt, dass sich die Problematik während der Diagnostik oft noch verschärft. Besonders für Erwachsene ist der Weg zur Diagnose mit teils sehr hohen Hürden verbunden und kann Jahre dauern. Häufig wird sogar vorausgesetzt, dass man telefonieren kann, um überhaupt auf Wartelisten zu gelangen; ein Paradox, das für Betroffene enorme zusätzliche Belastungen schafft. Gleichzeitig sind dringend notwendige Entlastungen wie Nachteilsausgleiche oder Hilfsangebote ohne Diagnose kaum zugänglich. Wenn die Diagnostik dann mehrere Jahre in Anspruch nimmt, bedeutet das mehrere Jahre fortdauernder Überforderung, die sich tiefgreifend auf die Psyche auswirken kann. Eine niedrigschwellige Diagnostik sowie ein dichteres Netz an Anlaufstellen könnten hier viel Leid verhindern.

Und doch gibt es Hoffnung. Jeder Schritt hin zu mehr Verständnis, niedrigeren Hürden und echter Unterstützung kann einen Unterschied machen. Die Anerkennung von Erschöpfung, die Entlastung durch kleine Gesten und die Bereitschaft, Barrieren ernst zu nehmen, können neuen Raum schaffen: Raum für Kraft, Raum für Selbstwirksamkeit und Raum für das Gefühl, nicht allein zu sein. Vielleicht besteht der erste Schritt nicht darin, mehr leisten zu müssen, sondern darin, gesehen zu werden; genauso, wie man ist.

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