Prosopagnosie – Eine Welt ohne Gesichter

Jeden Morgen, wenn ich in den Spiegel schaue, denke ich mir: „Huch, wer ist das denn?“ Und das liegt nicht daran, dass ich bisher noch keinen Kaffee hatte. Ich bin einfach nur völlig überfragt, wer die Person ist, die mich gerade anschaut. Ich könnte schwören, die habe ich noch nie im Leben gesehen. Wobei – die Brille kommt mir bekannt vor. Und wenn ich so darüber nachdenke, habe ich auch die Haare schon mal gesehen. Nach und nach fallen mir Details auf, die ich zuordnen kann, bis es schließlich klick macht: Das bin ich!

Ich habe Prosopagnosie – Gesichtsblindheit. Auch wenn Prosopagnosie allein auftreten kann, tritt sie im autistischen Spektrum häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Es handelt sich jedoch nicht um eine zwingende Begleiterscheinung: Nicht jeder Autist ist prosopagnosisch, und nicht jede Person mit Prosopagnosie ist autistisch.

Der Begriff „Blindheit“ ist hierbei für viele irreführend, denn mein Sehvermögen ist nicht eingeschränkt. Ich sehe Gesichter, solange sie direkt vor mir stehen. Sobald ich die Augen schließe, kann ich jedoch nicht einmal mehr sicher sagen, wie viele Augen mein Gegenüber hat – und ja, ich lag hier bereits falsch.

Der Name „Prosopagnosie“ setzt sich aus den Begriffen „prosopon“ und „agnosia“ zusammen, was „Gesicht“ und „Unwissenheit“ bedeutet. „Unwissenheit“ trifft den Kern besser als „Blindheit“, denn es ist die Kenntnis und Wiedererkennung von Gesichtern, die eingeschränkt ist.

Wenn ich meine Augen schließe und mir eine Tasse Kaffee vorstelle, kann ich diese recht klar sehen: Form, Farbe, Füllmenge. Stelle ich mir hingegen ein Gesicht vor, bleibt das Bild verschwommen. Ich erkenne ein Gerüst aus Augen, Mund und Nase, das wie ein Gesicht wirkt – aber ohne Wiedererkennungswert. Jedes Gesicht wirkt nahezu gleich.

Menschen erkennen ihre Umgebung durch Abgleich mit vorhandenem Wissen. Wir erkennen die Tasse, weil wir wissen, wie eine Tasse aussieht, und wir erkennen sie wieder. Bei Gesichtern funktioniert das gleiche Prinzip, nur ist die Wiedererkennung deutlich komplexer. Ich sehe, dass mein Gegenüber ein Gesicht hat, aber ich kann nicht sagen, welches Gesicht genau. Während ich meine Tassen problemlos wiedererkenne, gilt dasselbe nicht für mein eigenes Gesicht.

Bei angeborener Prosopagnosie scheint genau dieser Unterschied eine zentrale Rolle zu spielen. Normalerweise werden Gesichter in spezialisierten Hirnarealen verarbeitet, insbesondere in der fusiformen Gesichtsregion (fusiform face area, FFA). Bei Menschen mit Prosopagnosie zeigt diese Region beim Sehen von Gesichtern weniger Aktivität, sodass Gesichter nicht auf die gleiche spezialisierte Weise erkannt werden wie bei Personen ohne Prosopagnosie. Objekte wie Tassen hingegen werden in anderen Bereichen des Gehirns verarbeitet, die auf Objekterkennung spezialisiert sind. Diese Bereiche funktionieren bei Prosopagnosie in der Regel ohne Einschränkungen.

Tassen unterscheiden sich dabei grundlegend von Gesichtern: Sie haben eine feste Form, stabile Muster und verändern sich kaum, wodurch sie auch aus unterschiedlichen Perspektiven leicht wiederzuerkennen sind. Gesichter dagegen verändern sich durch Mimik, Schatten, unterschiedliche Blickwinkel ständig und die Unterschiede zwischen zwei Gesichtern sind oft klein. Selbst wenn man ein Gesicht mehrfach aus der gleichen Perspektive fotografiert, entstehen dabei immer leicht unterschiedliche Bilder.

Um mit meiner Prosopagnosie zurechtzukommen, habe ich eine eigene Strategie entwickelt: Ich zeichne die Gesichter von Menschen, die mir wichtig sind, und merke mir diese Zeichnungen. Durch die Konzentration auf die Details beim Zeichnen kann ich mir ein stabiles, statisches Bild einprägen, das ich jederzeit abrufen kann. Wenn ich einer Person begegne, vergleiche ich ihr Gesicht in meinem Kopf mit meiner Zeichnung. Das hilft mir enorm, Menschen wiederzuerkennen; auf eine Art, die völlig anders funktioniert als bei den meisten anderen. So finden viele Betroffene oft eigene Wege, Menschen erkennen zu können.

Die Forschung zur Prosopagnosie ist noch jung. Viele Hypothesen basieren auf einzelnen Studien, und der Zusammenhang mit Autismus ist noch nicht abschließend geklärt. Studien zeigen, dass Prosopagnosie bei autistischen Teilnehmern häufiger auftritt und dass sich soziale Auffälligkeiten teilweise überschneiden. Dennoch gilt Prosopagnosie als eigenständiges Störungsbild, das gehäuft, aber nicht ausschließlich, bei Autismus auftritt.

Viele Betroffene wissen lange Zeit nicht, dass sie betroffen sind. Sie bemerken lediglich, dass andere Menschen Gesichter schneller und zuverlässiger wiedererkennen. Das kann zu Verunsicherung, Scham oder dem Gefühl der sozialen Isolation führen. Wer sich seiner Prosopagnosie nicht bewusst ist, neigt manchmal dazu, eigene Unfähigkeit oder Vergesslichkeit zu hinterfragen, fühlt sich ungeschickt oder missversteht Reaktionen von anderen. Solche Erfahrungen können die Selbstwahrnehmung stark beeinflussen und den Alltag zusätzlich erschweren.

Ein offener Umgang mit Prosopagnosie kann hier sehr hilfreich sein. Wenn Freunde, Familie oder Bekannte bei Bedarf informiert werden, lassen sich Missverständnisse oft klären. Gleichzeitig lernen Betroffene Strategien, um soziale Situationen zu meistern; sei es durch Beobachtung von Kleidung, Stimme oder besonderen Merkmalen, oder eben durch kreative Hilfsmittel wie Zeichnungen. Das Bewusstsein über die eigene Wahrnehmung kann Unsicherheiten verringern und ein positives Miteinander ermöglichen.

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