„Räum dein Zimmer auf!“ – und warum das einfach nicht funktioniert.

Viele Autisten erleben in ihrem Alltag immer wieder Überforderung und Blockaden bei im Grunde einfach anmutenden Aufgaben. „Räum auf“;  einfacher geht es fast nicht. Zumindest wirkt es von außen so. Aber was beinhaltet diese Aufgabe wirklich?

Ich stehe in meinem Wohnzimmer und möchte aufräumen. Ich sehe mich um. Das Bügelbrett steht im Raum und muss weggeräumt werden. Das Geschirr vom Frühstück steht noch auf dem Tisch. Es müsste dringend gesaugt werden. An sich alles kein Problem. Und trotzdem kämpfe ich.

Ja, das Bügelbrett muss weggeräumt werden, aber gleich ist der Trockner durchgelaufen und dann brauche ich das Brett, um die Wäsche zusammenzulegen. Also muss es noch stehen bleiben. Und solange es im Raum steht, kann ich auch nicht saugen, denn dann müsste ich um das Brett herum saugen und später den Teil nachsaugen, auf dem das Brett stand. Also bleibt mir nur das Geschirr. Das kann ich aber nur wegräumen, wenn die Spülmaschine leer ist. Sie ist nicht leer. Zum Glück ist sie gerade durchgelaufen, aber ich muss sie zuerst noch ausräumen.

Okay, also ab in die Küche. Ich öffne beherzt die Maschine… und die Teller stehen falsch. Offenbar hat mein Mann die Maschine eingeräumt, und auch wenn mir völlig klar ist, dass es bei Spülmaschinen kein objektives „falsch“ gibt, solange das Geschirr sauber wird und heil bleibt, die Teller stehen falsch! Normalerweise räume ich immer zuerst die großen Teller vorne rechts weg, dann die kleinen vorne links und dann widme ich mich den Schüsseln hinten links, bevor ich das Besteck ausräume. Die großen Teller stehen hinten links. Vorne rechts ist eine Rührschüssel. Die kann ich aber nicht als Erstes ausräumen, denn sie kann erst weggeräumt werden, wenn die Spülmaschine wieder zu ist. Unsere Küche ist nicht sehr groß und die Maschine blockiert im offenen Zustand andere Schränke. Wenn ich aber hinten rechts anfange, besteht die Gefahr, dass ich durcheinanderkomme und das Besteck ganz vergesse.

Ich kämpfe mich durch die Maschine und endlich ist es geschafft! Ich kann zurück ins Wohnzimmer, nehme das Bügelbrett und räume es weg. Dann greife ich zum Staubsauger, doch nach der Hälfte des Zimmers höre ich den Trockner piepen. Ich hole schnell die Wäsche und stelle mit Schrecken fest: Das Bügelbrett ist weg! Mist, das wollte ich doch noch stehen lassen. Die Wäsche landet kurzerhand zu einem Zwischenstopp auf der Couch, da fällt mein Blick auf den Tisch und das dreckige Geschirr, das dort noch immer auf mich wartet. Und das muss es auch noch etwas länger tun, denn ich brauche ja jetzt mein Bügelbrett …

Und so wird aus etwas, das im Grunde nur wenige Minuten in Anspruch genommen hätte, ein intensiver, kraft- und zeitraubender Kampf mit mir selbst und meinen exekutiven Funktionen.

Als „exekutive Funktionen“ werden jene geistigen Steuerungsprozesse bezeichnet, die es dem Menschen ermöglichen, zielgerichtet zu handeln, Aufgaben zu planen, Impulskontrolle auszuüben und flexibel auf neue Situationen zu reagieren. Diese Funktionen können bei Autismus, aber auch bei ADHS eingeschränkt sein.

Bei Autismus können exekutive Funktionen auf unterschiedliche Weise beeinträchtigt sein. Besonders häufig betroffen ist die kognitive Flexibilität – also die Fähigkeit, sich auf neue Situationen einzustellen, zwischen Tätigkeiten zu wechseln oder eine Handlung zu beginnen oder zu beenden. Auch Abweichungen von gewohnten Abläufen oder bekannten Lösungen können schwer zu kompensieren sein. Zusätzlich gehören zur exekutiven Kontrolle auch das Treffen von Entscheidungen, das sozial angemessene Handeln, die Emotionsregulation und das Priorisieren von Aufgaben. All diese Bereiche können eingeschränkt sein und wirken sich im Alltag zum Teil subtil, aber sehr deutlich aus.

Mein Versuch, das Wohnzimmer aufzuräumen, kollidiert gleich mehrfach mit meinen Einschränkungen im Bereich der exekutiven Funktionen. Bereits der Einstieg ins Aufräumen ist schwierig: Womit fange ich an? Eine Entscheidung muss getroffen werden; und genau das ist für sehr viele Autisten außergewöhnlich schwierig. Um diese Entscheidung treffen zu können, muss die Situation außerdem erfasst, gegliedert und die einzelnen Teilschritte nach Priorität eingestuft werden. Das ist eine Höchstleistung für das Gehirn, die bei vielen Menschen fast vollständig unbewusst abläuft. Fehlt dieser Automatismus, wird aus im Grunde einfachen Aufgaben eine echte Herausforderung.

Die „falsch“ einsortierten Teller zeigen einen weiteren Punkt auf: Inflexibilität. Der gestörte Ablauf muss kompensiert werden. Mir ist es nicht möglich, spontan einem anderen Ablauf zu folgen, den ich nicht im Voraus geplant habe. Mein Versuch, es trotzdem zu tun, lässt mich das Gesamtbild aus den Augen verlieren und ich komme durcheinander.

Einschränkungen der exekutiven Funktionen beeinträchtigen so still und von außen unbemerkt den gesamten Alltag. Egal, was wir machen: Die exekutiven Funktionen sind immer beteiligt.

Deshalb kann es notwendig sein, neue Wege zu finden, um den Alltag zu strukturieren. Klare, vorher festgelegte Abläufe und sichtbare Pläne helfen vielen Betroffenen, Entscheidungen zu entlasten und Aufgaben in handhabbare Schritte zu zerlegen. Auch Impulse von außen können hilfreich sein; allerdings nur, wenn sie konkret formuliert sind und in die Situation passen. „Räum dein Zimmer auf“ ist ein Beispiel für einen Impuls, der für viele Betroffene völlig ungeeignet ist. Er ist so offen formuliert, dass keinerlei konkrete Handlungsanweisung daraus hervorgeht. Sinnvolle Impulse hingegen priorisieren Aufgaben, gliedern Schritte, legen Zeitfenster fest oder bieten alternative Lösungswege an.

Auch im eigenen Umgang mit eingeschränkten exekutiven Funktionen können verschiedene Hilfsmittel eine große Unterstützung sein. Dazu gehören Listen, Tages- oder Wochenplaner, Timer, visuelle Schritt-für-Schritt-Pläne, Apps zur Aufgabenstrukturierung, Routinen, farbliche Markierungen oder das Arbeiten mit festen Ritualen und wiederkehrenden Abläufen. Auch Methoden wie „Body Doubling“ (also das Arbeiten in Gegenwart einer anderen Person) oder externe Erinnerungen und klare Zeitanker können helfen, Aufgaben anzugehen oder dranzubleiben.

Und selbst wenn viele Autisten Einschränkungen im Bereich der exekutiven Funktionen teilen, unterscheiden sie sich doch stark in ihrer individuellen Ausprägung. Daher funktioniert nicht jede Hilfe für jede Person. Manchmal braucht es etwas Ausprobieren, um herauszufinden, was wirklich entlastet. Das Angebot an digitalen Tools, strukturierten Hilfsmitteln und neuen Konzepten wächst momentan stetig – ein Schritt in Richtung mehr Akzeptanz und zugänglicher Unterstützung im Alltag. Auch die Akzeptanz der eigenen Grenzen und Besonderheiten kann dabei bereits eine große Entlastung sein. Akzeptiert man die eigene Art zu denken, lassen sich häufig Wege finden, die tatsächlich funktionieren.

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