„Zündest du bitte den Adventskranz an?“

„…Bist du dir sicher?“

„Ja, mach schon mal, ich komme gleich auch dazu.“

„…Okay…“

„…“

„…“

„DIE KERZEN!!! ICH MEINTE DIE KERZEN!!!“

 

Wörtliches Verständnis – bitte was??

Im Zusammenhang mit autistischer Kommunikation taucht immer wieder der Begriff des „wörtlichen Verständnisses“ auf. In Erklärungen kommen dann allerlei Beispiele, die sich oft auf bekannte Redewendungen beziehen. Da wird „die Katze aus dem Sack gelassen“ und Menschen haben „Schmetterlinge im Bauch“. Mit diesen Beispielen wird erklärt, dass Autisten Schwierigkeiten mit solchen Aussagen haben, weil sie sie wörtlich verstehen.

Ich habe diese Ausführungen nie so wirklich verstanden. Ich mag Sprache. Ich beschäftige mich sehr viel mit Sprache, habe schon immer viel gelesen und liebe Wortspiele. Ich weiß, was mit „Schmetterlinge im Bauch“ gemeint ist. Ja, im ersten Moment denke ich vielleicht an ein missglücktes Experiment eines Entomologie-Studenten, doch im nächsten Moment erinnere ich mich daran, dass dieser Ausdruck eine Metapher für das Gefühl der Verliebtheit ist. Das habe ich gelernt, weil es mir erklärt wurde.

Meine autistische Seite der Erklärung funktioniert damit nicht, denn ich kann diese Form der Redewendung verstehen und anwenden. Gleichzeitig fällt es mir sehr schwer zu glauben, dass neurotypische Menschen instinktiv derart abstrakte Redewendungen und Metaphern verstehen können. Diese Bilder lernen die meisten Neurotypischen genauso wie ich: durch Erklärung. Sie mögen vielleicht eher von einer Redewendung ausgehen, wenn Worte in ihrer primären Bedeutung keinen Sinn ergeben, aber abstrakte Redewendungen lassen sich nicht immer einfach aus dem Kontext erschließen.

Heute Morgen bat mich mein Mann, den Adventskranz anzuzünden. Zum Glück bin ich in der Lage zu erkennen, dass es absolut keine gute Idee ist, inzwischen schon sehr trockene Nadelbaumzweige in meinem eigenen Wohnzimmer in Brand zu stecken. Deshalb entschied ich mich dagegen, der Aufforderung meines Mannes nachzukommen. Dass er tatsächlich die Kerzen meinte (und besser auch hätte sagen sollen), wurde uns beiden erst nach einem recht langen Moment großer Verwirrung klar.

Auch „den Adventskranz anzünden“ ist eine Redewendung – und nein, ich verstehe sie nicht ohne intensives Nachdenken. In diesem Fall wäre das Ausführen der Aufforderung so offensichtlich problematisch gewesen, dass es mich innehalten und die Situation prüfen ließ. Oft ist das jedoch nicht der Fall, und ich finde erst im Nachhinein heraus, wie eine Aussage tatsächlich gemeint war.

Mein neurotypischer Mann war hingegen absolut davon überzeugt, mir eine klare Anweisung gegeben zu haben. Für ihn war völlig klar, dass er mit „Adventskranz“ nur die Kerzen meinen kann. Entsprechend wurde ihm erst durch meine sehr zögerliche Reaktion klar, dass es zu einem Missverständnis gekommen sein muss.

Solche Redewendungen sind in unserer Sprache allgegenwärtig. Dinge werden synonym verwendet, die es nicht sind. Metaphern müssen nicht immer bildgewaltig daherkommen. Vereinfachungen und Doppeldeutigkeiten der Sprache tun ihr Übriges, um Kommunikation zu einem wahren Minenfeld für Menschen mit wörtlichem Sprachverständnis werden zu lassen. Das „Minenfeld“ ist hierbei wieder eine der einfachen Metaphern: Wörtlich umgesetzt ergibt es keinen direkten Sinn. Gleichzeitig lässt es sich sehr einfach und schnell erklären: „Sprache ist voller potenzieller Missverständnisse, die man nicht direkt sehen kann – wie man in einem Minenfeld die drohende Gefahr nicht erkennen kann, bevor es zu spät ist.“

Die meisten dieser potenziellen Missverständnisse sind für beide Seiten vollständig unsichtbar. Die meisten Menschen gehen davon aus, zu sagen, was sie meinen, und zu verstehen, was gesagt wurde. Erst wenn Missverständnisse offensichtlich werden, fällt auf, wie unterschiedlich Worte wahrgenommen und verwendet werden können.

Es ist sehr schwer, das eigene Wortverständnis zu hinterfragen. Genau das macht die Klärung solcher Missverständnisse problematisch – und zwar auf beiden Seiten. Wenn man sich nicht vorstellen kann, dass ein Satz anders gemeint sein könnte, als man ihn verstanden hat, ist es fast unmöglich, die Sicht des anderen nachzuvollziehen. Dazu kommt, dass die Kommunikation über das Missverständnis selbst die gleichen Hürden aufweist, die zum ursprünglichen Missverständnis geführt haben.

Autisten bezeichnen ihre Kommunikation zum Beispiel oft als „direkt“, um zu erklären, warum sie etwas auf eine bestimmte Weise gesagt oder verstanden haben. Aber auch neurotypische Menschen gehen meist davon aus, „direkt“ zu kommunizieren. In ihrem Fall bedeutet das „ohne Hintergedanken“, während Autisten eben „Worte in ihrer direkten Bedeutung nutzend“ meinen. Damit gibt es ein autistisches „direkt“ und ein neurotypisches „direkt“, die nicht identisch sind. So wird oft der Klärungsversuch selbst zum nächsten Missverständnis in der Kommunikation.

Kommunikation aus derart unterschiedlichen Verständnisperspektiven heraus erfordert große Offenheit und die Bereitschaft, einander zu glauben. Ich glaube meinem Mann, dass er mich nicht dazu anstiften wollte, trockene Zweige im Wohnzimmer anzuzünden. Und er glaubt mir, dass ich genau das verstanden habe – ohne Urteil. Erst wenn wir der Wahrheit des jeweils anderen hinsichtlich seiner Absicht oder seines Verständnisses Glauben schenken, können wir konstruktiv mit unseren kommunikativen Unterschieden umgehen.

Gesellschaftlich wird leider meist vorausgesetzt, dass Menschen Alltagsredewendungen intuitiv verstehen. Missverständnisse werden daher oft als Vorsatz interpretiert, anstatt als Folge unterschiedlicher Wahrnehmungen von Sprache. Es wäre wünschenswert, zu einer Gesellschaft beitragen zu können, in der der Wille zum Verständnis im Vordergrund steht – gerade dann, wenn intuitives Verständnis ausbleibt.

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