Von Würde – und dem Respekt, den sie verdient
„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“
Artikel 1 Absatz 1 Grundgesetz
Würde und Respekt – also die Achtung der Würde – sind der leitende Kerngedanke unserer Gesellschaft und als solcher unabänderlich im Grundgesetz verankert. Doch was bedeuten diese Begriffe eigentlich?
Der Duden definiert Würde als den „Achtung gebietenden Wert, der einem Menschen innewohnt, und die ihm deswegen zukommende Bedeutung“ sowie als das „Bewusstsein des eigenen Wertes“. Wikipedia widmet dem Thema einen recht umfangreichen Beitrag, der verschiedene Aspekte der Würde auch vor dem Hintergrund unterschiedlicher Ideologien und philosophischer Ansätze beleuchtet.
Im allgemeinen Sprachgebrauch und im Sinne der Menschenwürde ist Würde der intrinsische Wert des Menschen. Die Achtung dieses Wertes ist der Respekt, den wir einem anderen Menschen entgegenbringen. Vergleicht man jedoch die Wikipedia-Einträge zu „Würde“ und „Respekt“, fällt auf, dass diese im Grunde eng miteinander verwobenen Begriffe sehr unterschiedlich behandelt werden. Der Eintrag zu „Respekt“ umfasst lediglich 122 Worte und beschränkt sich weitgehend auf eine Begriffsdefinition. Der Beitrag zur „Achtung“ der Würde ist vom Umfang her vergleichbar und bezieht sich vor allem auf Immanuel Kant. Der Artikel zur „Anerkennung“ ist etwas ausführlicher, fasst jedoch verschiedene Bedeutungen zusammen, die teils keinen direkten Bezug zur Würde haben.
Über Würde scheint gerne gesprochen und geschrieben zu werden. Und das ist wichtig, denn jeder Mensch besitzt Würde. Respekt hingegen wirkt oft schnell erklärt. Doch ist es wirklich so einfach? Würde ist etwas, das uns automatisch innewohnt. Respekt hingegen ist etwas, das wir anderen aktiv entgegenbringen müssen. Gerade deshalb ließe sich argumentieren, dass Respekt das deutlich komplexere Prinzip ist.
Insbesondere im Kontext von Behinderung, Einschränkung und Krankheit wird Respekt zwar häufig als Grundvoraussetzung benannt, jedoch nur selten wirklich reflektiert. Es ist vergleichsweise einfach, Menschen zu respektieren, deren Bedürfnisse uns nicht berühren. Sobald es jedoch um Einschränkungen geht, die Anpassung, Rücksichtnahme oder ein Umdenken erfordern, fällt es vielen Menschen schwer, diesen Respekt weiterhin aufzubringen.
Viele Einschränkungen und auch Erkrankungen wie Depressionen oder Burnout machen Rücksichtnahme, Geduld und Toleranz notwendig. In solchen Fällen wird deutlich, dass Respekt nichts ist, das rein passiv besteht. Er muss aktiv gelebt werden; in der Sprache, im Verhalten und in der Bereitschaft, die eigene Perspektive nicht zum alleinigen Maßstab zu machen. Einen Menschen zu respektieren bedeutet dann, seine Realität anzuerkennen, auch wenn sie nicht der eigenen entspricht.
Gerade dort, wo Respekt menschlich am dringendsten wäre, scheint er jedoch oft am brüchigsten zu sein. Stattdessen entstehen problematische Dynamiken: „Fairness“ wird als Argument genutzt, um Menschen mit Unterstützungsbedarf diese Unterstützung zu verweigern, da andere sie ja ebenfalls nicht erhalten. Erkrankungen oder Einschränkungen werden individualisiert, Betroffene als zumindest mitverantwortlich für ihr Leid betrachtet. Leid wird relativiert, Einschränkungen werden kleingeredet oder infrage gestellt. Die Vielfalt der Begründungen, warum einem Menschen kein Respekt entgegengebracht werden müsse, ist bemerkenswert. Gemeinsam ist ihnen allen, dass sie auf einer Abwertung anderer Menschen beruhen, um den eigenen Mangel an Respektbereitschaft zu rechtfertigen.
Für Betroffene können diese Dynamiken schwerwiegende Folgen haben. Ein Nachteilsausgleich ist keine „Bevorzugung“, sondern der Versuch, eine unfaire Ausgangslage zumindest teilweise auszugleichen. Leid besitzt eine eigene Berechtigung und kann die Würde eines Menschen niemals mindern – auch dann nicht, wenn dieses Leid für andere unbequem ist oder Anpassung erfordert. Die Vorstellung, Menschen seien für ihre Erkrankungen oder Einschränkungen selbst verantwortlich, ist ein zutiefst ableistisches Konzept. Gerade im Bereich der Selbsthilfe sollte dafür kein Raum sein.
Vor diesem Hintergrund sind die Prinzipien der Selbsthilfe, denen sich die Gruppe „Spät diagnostizierter Autismus“ verschrieben hat, klar verortet. Respekt ist für uns kein optionaler Wert, sondern ein unumstößlicher Grundpfeiler des gemeinsamen Miteinanders.
Autismus ist etwas, dessen sichtbare und unsichtbare Ausprägungen in der Gesellschaft häufig auf Zurückweisung, Unverständnis und mangelnde Toleranz treffen. Gerade spät diagnostizierte Autisten haben oft einen langen Leidensweg hinter sich, der von Anpassungsdruck und fehlender Anerkennung ihrer Menschlichkeit geprägt ist. Viele Betroffene zahlen dafür einen hohen Preis in Form komorbider Depressionen, Angststörungen oder Erschöpfungszustände. Gerade aus dieser Erfahrung heraus sollte uns die Notwendigkeit der Anerkennung menschlicher Würde auch im Falle von Einschränkungen, Hilfsbedarf und einer anders ausgeprägten Wahrnehmung besonders bewusst sein.
Gerade im Autismus-Spektrum ist Empathie jedoch häufig anders organisiert, als es gesellschaftlich erwartet wird. Für viele autistische Menschen entsteht Verständnis nicht automatisch über emotionale Resonanz oder das intuitive Erfassen sozialer Signale. Stattdessen entwickelt es sich über das kognitive Nachvollziehen von Zusammenhängen: über das Verstehen von Motiven, Abläufen und inneren Logiken menschlichen Handelns. Erst wenn erkennbar wird, warum etwas geschehen ist, welche Faktoren zusammengewirkt haben und aus welcher Perspektive heraus eine Reaktion erfolgte, kann sich innere Ruhe einstellen und damit auch echtes empathisches Verstehen.
Dieses Bedürfnis nach Erklärung ist kein Ausdruck von Kälte, Distanz oder fehlender Mitmenschlichkeit. Im Gegenteil: Für viele Autisten ist es der zentrale Zugang zu Empathie überhaupt. Ohne dieses Verstehen bleiben häufig Irritation, Spannung oder Überforderung zurück, nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus einem Mangel an Orientierung. Das Nachfragen nach Gründen, das Einordnen von Zusammenhängen und das analytische Durchdringen von Situationen sind daher kein Selbstzweck und keine Rechthaberei, sondern ein notwendiger Schritt, um anderen Menschen emotional gerecht werden zu können.
Problematisch wird diese Form des Zugangs dort, wo sie missverstanden wird. Das Bemühen um Verstehen wird nicht selten als Rechtfertigung, als Abwehr oder als mangelnde emotionale Beteiligung interpretiert. Dabei wird übersehen, dass hier kein Gegensatz zur Empathie besteht, sondern ein anderer Weg zu ihr beschritten wird. Respekt bedeutet in diesem Zusammenhang auch, unterschiedliche Zugänge zu Verständnis und Mitgefühl anzuerkennen, ohne daraus einen moralischen Mangel abzuleiten.
Gerade in der Selbsthilfe ist dieses Wissen von zentraler Bedeutung. Wenn Respekt als bewusste Haltung verstanden wird, die nicht an spontane emotionale Reaktionen gebunden ist, entsteht Raum für unterschiedliche Formen von Empathie. Verständnis muss nicht immer unmittelbar fühlbar sein, um echt zu sein. Es kann entstehen, wenn Zusammenhänge erklärt, Perspektiven sichtbar gemacht und Erfahrungen ernst genommen werden.
Ein respektvolles Miteinander entsteht dort, wo Menschen bereit sind, sowohl die Grenzen als auch die Wege des Verstehens anzuerkennen; die eigenen ebenso wie die der anderen. In diesem Sinne ist Respekt kein Gefühl, das man hat oder nicht hat, sondern eine Haltung, die man einnimmt. Und genau darin liegt seine verbindende Kraft.


