“Das ist so!” – “Aber warum??”

Eines Abends kurz vor Heiligabend saßen das Meerschwein und die Eule zusammen auf dem Sofa und sahen sich gemeinsam einen Film an. Da meinte das Meerschwein plötzlich:

„Du, Eule, du hast doch gesagt, dass an Weihnachten das Christkind kommt und die Geschenke bringt?“

„Ja“, sagte die Eule.

Das Meerschwein dachte einen Moment nach.

„Aber woher weiß das Christkind denn, was ich mir wünsche?“

Die Eule seufzte tief. „Das weiß es einfach.“

Das Meerschwein war sehr verwirrt. Woher sollte es das denn wissen?

„Nein, das geht nicht, so etwas kann man doch nicht einfach wissen!“, sagte es leicht empört zur Eule.

„Es kann Gedanken lesen!“

„Aber ich weiß doch selbst nicht mal, was ich mir wünsche!“

„Dann liest es halt, was du dir wünschen könntest!“

„Das macht überhaupt keinen Sinn!“

„Wenn du weiter so fragst, bringt dir das Christkind gar nichts mehr. Und jetzt sei endlich still, ich verstehe ja den Film überhaupt nicht mehr!“

Da verstand das Meerschwein plötzlich gar nichts mehr. Nur eines, da war es sich sicher: Es hatte wieder etwas Falsches gesagt. Die Eule war schon wieder wütend. Dabei hatte es doch nur verstehen wollen.

 

Die Erfahrung, die das Meerschwein hier machen musste, ist vielen autistischen Menschen sehr vertraut. Aus einer scheinbar einfachen Frage entwickelt sich schnell ein Streit, und am Ende bleibt vor allem eines zurück: das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben. Was genau dieses „Falsche“ war, bleibt unklar – ebenso wie die ursprüngliche Frage. Weiteres Nachfragen erscheint sinnlos, denn es würde vermutlich nur zu weiteren Vorwürfen oder erneutem Streit führen.

Aber was passiert hier eigentlich?

Das Bedürfnis, unsere Umwelt zu verstehen, ist jedem Menschen zu eigen. Wie stark dieses Bedürfnis ausgeprägt ist und auf welchem Weg Verständnis entsteht, unterscheidet sich jedoch deutlich. In der Pädagogik ist schon lange bekannt, dass Methoden nicht universell für alle Menschen funktionieren. Wer gut über gesprochene Sprache lernen kann, tut sich mit langen Lesetexten oft schwer. Und wer sich Informationen gut über eigenes Lesen erschließt, kann gleichzeitig Schwierigkeiten haben, Gehörtes zu verarbeiten oder sich zu merken.

Manche Menschen müssen Dinge hören, andere geschrieben sehen, wieder andere brauchen bildliche Darstellungen, um denselben Sachverhalt zu erfassen. Deshalb wird in der modernen Pädagogik versucht, Inhalte so aufzubereiten, dass sie unterschiedliche Zugänge gleichzeitig ansprechen.

Diese Unterschiede lassen sich jedoch nicht allein über gängige Lerntypen erklären. Gerade im Zusammenhang mit Autismus spielt der Fokus auf Details im Gegensatz zum Gesamtbild eine entscheidende Rolle. Autistische Menschen nehmen häufig einzelne Aspekte besonders deutlich wahr, haben jedoch Schwierigkeiten, das Ganze intuitiv zu erfassen. Neurotypische Menschen hingegen erfassen das Gesamtbild meist sehr schnell und instinktiv, nehmen dafür aber viele Einzelheiten weniger bewusst wahr. Wie stark diese Tendenzen ausgeprägt sind, unterscheidet sich dabei von Mensch zu Mensch.

Bei einem stark detailorientierten Denkstil setzt Verständnis die Kenntnis der relevanten Einzelaspekte voraus. Das Gesamtbild erschließt sich hier nicht von selbst, sondern entsteht erst als Summe seiner Details. Fehlen entscheidende Informationen, bleibt das Bild unvollständig und damit unverständlich. Solche Lücken lassen sich nicht einfach ignorieren. Sie müssen geschlossen werden.

Menschen, deren Wahrnehmung stärker auf das Gesamtbild ausgerichtet ist, können dieses hingegen auch dann erfassen, wenn ihnen viele Einzelheiten nicht bewusst sind. Häufig ist ihnen dabei gar nicht klar, wie viele implizite Annahmen und Details in dieses Gesamtverständnis einfließen.

Deshalb sind Menschen, die im Ganzen denken, oft gut darin, Wissenslücken auszublenden, um handlungsfähig zu bleiben. Für sie ist nicht jedes Detail relevant, solange das Ergebnis stimmig erscheint. „Das ist so“ bedeutet in diesem Zusammenhang: Ich nehme das jetzt als gegeben an, damit das Gesamtbild funktioniert. Entsprechend wird diese Aussage oft als ausreichende Erklärung verstanden.

Trifft eine solche Erklärung jedoch auf ein Denken, das sich Gesamtheit nur über Detailkenntnis erschließt, führt das schnell zu Konflikten. Die eine Seite kann nicht verstehen, die andere findet keine Worte für etwas, das ihr völlig selbstverständlich erscheint. Beide geraten unter Druck, beide werden frustriert.

Besonders deutlich zeigt sich dies bei Kindern, etwa im schulischen Umfeld. Sie stellen Fragen, deren Beantwortung weit über das altersentsprechend verfügbare Wissen hinausgehen kann. Um sich nicht in komplizierten Erklärungen zu verlieren, greifen Erwachsene dann häufig auf ein schlichtes „das ist so“ zurück. Viele Kinder können das akzeptieren. Für Kinder, die auf eine in sich schlüssige Erklärung angewiesen sind, führt diese Antwort jedoch nicht zu Verständnis, sondern zu Blockade und Verzweiflung. Hinzu kommt, dass sie der Situation nicht einfach entkommen können. Das Machtgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern verstärkt die Erfahrung, mit dem eigenen Bedürfnis nach Verständnis falsch zu sein.

Das Meerschwein wollte die Eule nicht ärgern. Es wollte nicht schwierig sein und es wollte auch nicht konfrontativ auftreten. Es wollte weder die Geschichte des Christkinds infrage stellen noch einen Streit beginnen. Es wollte schlicht verstehen. Die Eule hingegen wollte durchaus erklären, stieß dabei jedoch an ihre eigenen Grenzen. Sie konnte nicht benennen, was für sie selbstverständlich war und merkte möglicherweise selbst nicht, dass ihr die Worte dafür fehlten.

Als konfrontativ, schwierig oder herausfordernd wahrgenommen zu werden, prägt das Selbstbild vieler autistischer Menschen. Allen diesen Zuschreibungen ist eines gemeinsam: Sie implizieren Schuld. Ein Kind, das als konfrontativ gilt, erscheint verantwortlich für die Reaktionen der Erwachsenen um es herum. Intensives Nachfragen und die Unfähigkeit, mit Erklärungslücken umzugehen, führen schnell dazu, so gesehen zu werden. Langfristig kann dies dazu führen, dass Betroffene beginnen zu glauben, ihre Verständnisversuche seien tatsächlich das Problem.

Aus solchen Erfahrungen heraus entwickeln viele das Bedürfnis, Missverständnisse besonders genau zu erklären. Doch auch das wird häufig missverstanden und als Rechtfertigung gelesen und damit indirekt als Schuldeingeständnis. So bleiben Betroffene bei Verständnisschwierigkeiten oft verwirrt zurück, fühlen sich schuldig oder beschämt und erhalten keine echte Möglichkeit, das ursprüngliche Missverständnis aufzulösen. Nicht selten führt dies dazu, dass Fragen irgendwann nicht mehr gestellt werden, weil Schweigen weniger konfliktbehaftet erscheint als erneutes Nachfragen.

Ein erweitertes Bewusstsein für unterschiedliche Denkstile und die Bereitschaft, auf die daraus entstehenden Bedürfnisse einzugehen, könnte für viele Betroffene eine große Erleichterung darstellen. Wenn intensives Nachfragen nicht als konfliktsuchend, sondern als verständnissuchend wahrgenommen wird, können Missverständnisse gemeinsam bearbeitet werden. Oft hilft es bereits, Unsicherheit offen zu benennen oder anzubieten und gemeinsam nach einer Erklärung zu suchen. Auch komplexe Themen lassen sich aus einer Detailperspektive heraus oft gut erklären, wenn man bereit ist, sich auf diesen Zugang einzulassen.

Gleichzeitig ist es wichtig zu verstehen, dass manche Menschen einen solchen Denkansatz zwingend benötigen, um Situationen, Aussagen und Zusammenhänge begreifen zu können. Entsprechend angepasste Erklärungen können gerade bei komplexen Themen herausfordernd sein. Doch das Ziel ist immer Verstehen, nicht Konfrontation. Und nicht jede Frage braucht sofort eine vollständige Antwort, aber jede Frage verdient es, ernst genommen zu werden.

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