Gemeinsam einsam
Heute Abend sollte ich eigentlich auf einer Weihnachtsfeier sein. Die letzte, so kurz vor Heiligabend. Aber ich weiß nicht, ob ich hingehen werde.
Dabei ist es wirklich schwer zu erklären, was ich dabei empfinde. Ich mag Menschen und die, die heute Abend da sein werden, ganz besonders. Ich bin auch wirklich gerne unter Menschen, aber ich fürchte, heute fehlt mir die Kraft. Außerdem wird schon seit zwei Wochen über das geplante Wichteln gesprochen – ein Brauch, für den ich wirklich nicht gemacht bin und der in mir traurige Erinnerungen an meine Kindheit und das erste Aufkommen dieser „Tradition“ wach werden lässt. Ja, Jugendliche bringen es durchaus fertig, anderen als Wichtelgeschenk eine Packung Taschentücher zu schenken.
Und dann sitzt man da. Vierzehn Jahre alt, mit einer Packung Taschentücher, während alle um einen herum sich über liebevolle Geschenke freuen. Niemand beachtet einen. Und man merkt: Egal, wie sehr man sich angestrengt hat; egal, wie sehr man sich wünscht, auch einmal dazuzugehören; und egal, wie viel Zeit man mit anderen verbringt – man ist in sich selbst allein. Irgendwie ist da eine unsichtbare Wand zwischen dem eigenen Selbst und dem Rest der Welt, die einfach nicht durchbrochen werden kann, egal, wie sehr man es doch will.
„Ich könnte jetzt gehen, und niemand würde es bemerken.“
Einsamkeit ist ein sehr stilles Gefühl. Und es ist kalt. Dabei ist Einsamkeit nicht zu verwechseln mit Alleinsein. Auch unter Menschen lässt es sich einsam sein. Und manchmal ist gerade diese Einsamkeit am intensivsten, während mancher das Alleinsein durchaus als wohltuend empfinden kann. Einsamkeit ist wie ein Nebel, der alle anderen zu verschlucken scheint und einen alleine zurücklässt. Man kann sie zwar noch hören, aber alles ist gedämpft und dringt aus der Ferne ans Ohr. Niemand würde merken, wenn man fehlt.
Doch das stimmt nicht. Ich bin früher bereits gegangen. Und am nächsten Morgen kamen die Fragen. Wo warst du denn? Warum bist du gegangen? Doch wie beantwortet man solche Fragen? Es ist unglaublich schwer, dieses Gefühl in Worte zu packen; dieses Gefühl, das mir sagt, dass ich im Grunde ganz allein auf dieser Welt bin. Ich fühle mich unsichtbar. Ich gehöre nicht dazu. Und auch wenn ich weiß, dass es Menschen gibt, die mich sehen, bleibt doch immer diese Mauer bestehen.
Ganz besonders intensiv wird dieses Gefühl in der Weihnachtszeit. Weihnachtsfeiern sind nicht einfach nur ein soziales Treffen, sie sind Rituale. Sei es der Ugly-Sweater-Trend, bei dem alle in mehr oder minder absichtlich geschmacklosen Weihnachtspullovern erscheinen, die thematisch sehr eng gewählte Musik oder eben Wichteln und andere Partyspiele mit Mitmachzwang.
Diese aufgesetzten Rituale bringen vielen Menschen ehrlich Freude. Sie schaffen Gemeinschaft, Vertrautheit und ein Gefühl von Zusammengehörigkeit. Gleichzeitig können sie für andere eine sehr große Hürde darstellen; besonders für jene, die die unausgesprochenen sozialen Regeln einer Weihnachtsfeier nicht intuitiv verstehen. Während man sich bei losen Zusammenkünften bei Überforderung meist in ruhigere Bereiche zurückziehen kann, ist das bei Weihnachtsfeiern oft kaum möglich. Weihnachtliches Engagement wird vorausgesetzt, und wer sich dem entzieht, fällt auf.
Gerade für Menschen, die unter innerer Einsamkeit leiden, kann das die eigene Problematik stark verstärken, auch ganz ohne offensichtlich verletzende Wichtelgeschenke. Es kann sich ausgrenzend anfühlen, wenn man die Dynamiken einer Gruppe nicht versteht oder nicht mittragen kann. Wenn alle scheinbar mühelos mitspielen und man selbst nur versucht, nicht aufzufallen, wird einem diese Unsichtbarkeit besonders schmerzhaft bewusst.
Vielleicht werde ich deshalb heute Abend nicht erscheinen. Die Weihnachtszeit war bereits sehr herausfordernd, und mir fehlt die Kraft, meine inneren Gefühle zu überspielen; Gefühle, die ich nicht einmal wirklich erklären kann. Gefühle folgen keiner sachlichen Logik.
Besonders Autisten sind von dieser Form der Einsamkeit häufig betroffen, selbst wenn sie unter Menschen sind. Viele beschreiben es, als stünde eine unsichtbare Mauer zwischen ihnen und den anderen. Als kämen sie von einem anderen Stern oder sprächen eine Sprache, die niemand sonst versteht. Man ist anwesend, hört zu, beobachtet und bleibt doch getrennt. Diese Trennung ist nicht sichtbar, aber sie ist spürbar. Und sie lässt sich nur schwer erklären, selbst für diejenigen, die sie ihr Leben lang begleitet.
Einsamkeit wirkt oft so, als wäre sie nur für einen selbst da, als sei man allein damit, als sei man derjenige, der nicht passt. Dabei gibt es viele Menschen, die Ähnliches fühlen, die sich unter anderen fremd fühlen und die lernen mussten, diese Einsamkeit still mit sich zu tragen.
Diese Gefühle haben ihren Platz. Sie entstehen aus dem Zusammenspiel von Erwartungen, sozialen Regeln und Situationen, die nicht für alle gleich zugänglich sind. Sie lassen sich nicht einfach abstellen, nur weil andere die Regeln zu verstehen scheinen.
Gerade in einer Zeit, in der Geselligkeit so präsent ist, müsste es Platz für dieses Wissen geben. Für die Erkenntnis, dass Nähe nicht für alle gleich zugänglich ist. Dass Gemeinschaft nicht immer wärmt, sondern manchmal Kraft kostet. Und dass Rückzug nicht Ablehnung bedeutet, sondern oft der einzige Weg ist, bei sich zu bleiben.
Heute ist der vierte Advent. In nur drei Tagen ist es so weit, und Weihnachten ist da. Wir möchten diese Gelegenheit nutzen, um auf Hilfsmöglichkeiten hinzuweisen, falls diese oder ähnliche Gefühle zu stark werden, um sie alleine zu tragen. Unsere Gruppe ist auch an den Feiertagen geöffnet. Unser Team ist über unseren Account Janus durchgehend erreichbar. Wem der Sinn nach gemeinsamen, themenoffenen Gesprächen steht, dem empfehlen wir unseren Messenger-Chat „Lagerfeuer“. Dort finden sich meist Gesprächspartner. Wer dem Chat beitreten möchte, braucht sich nur bei uns zu melden.
Außerdem möchten wir an dieser Stelle auf folgende Notfallnummern hinweisen:



