Routinen, Advent und das leise Bedürfnis nach Sicherheit
Die Adventszeit ist erfüllt von kleinen, stillen Ritualen. Das sanfte Leuchten des Adventskranzes, jede Woche eine Kerze mehr. Der tägliche Moment, in dem sich ein Türchen am Adventskalender öffnet.
Diese Traditionen machen Zeit sichtbar. Sie schenken einen ruhigen Rhythmus in einem Monat, der sich sonst schnell gehetzt und überwältigend anfühlen kann. Adventsrituale verankern uns. Sie zeigen, wo wir uns in der Jahreszeit befinden und was als Nächstes kommt. Sie geben ein Gefühl von Kontinuität; ein Stück Sicherheit im Vorhersehbaren.
Gerade deshalb ist die Adventszeit ein überraschend guter Moment, um über Routinen im Autismus zu sprechen.
Viele Menschen wissen, dass „starre Routinen“ ein diagnostisches Merkmal von Autismus sind, doch dieser Begriff bleibt oft abstrakt. Was genau ist damit gemeint, und warum spielt es eine so große Rolle? Die Adventszeit mit ihren vertrauten, tröstlichen Abläufen bietet hier eine Brücke des Verstehens.
Für autistische Menschen sind Routinen keine Macken oder Vorlieben. Sie sind Werkzeuge der Vorhersehbarkeit, der Struktur und der Sicherheit. Routinen machen die Welt begreifbar. Sie machen Aufgaben bewältigbar, besonders jene, die aus vielen kleinen Schritten bestehen.
Dort, wo neurotypische Menschen auf Automatismen zurückgreifen können, fehlt Autisten dieses automatische Funktionieren oft. Für viele Neurotypische sind Tätigkeiten wie zum Beispiel tägliches Zähneputzen eine mühelose Abfolge, die fast wie von selbst passiert. Für autistische Menschen ist dieser Vorgang selten automatisch. Er gelingt, weil eine Routine existiert: eine festgelegte Reihenfolge von Schritten, die einen stabilen Rahmen bildet. Zuerst dies, dann das, immer in derselben Ordnung, immer nach derselben inneren Karte. Die Routine trägt die Aufgabe.
Und genau an dieser Stelle wird der Vergleich zum Advent hilfreich. Adventsrituale passieren nicht automatisch. Sie sind bewusste Handlungen, täglich oder wöchentlich wiederholt, und sie sind bedeutsam gerade wegen ihrer Beständigkeit. In diesem Sinne sind sie ein sehr gutes Modell, um autistische Routinen zu verstehen.
Man stelle sich ein Kind vor, das jeden Morgen ein Türchen im Adventskalender öffnet. Und am zwölften Tag ist das kleine Fach leer.
Der Moment friert ein.
Verwirrung. Dann Enttäuschung, Frust, vielleicht Tränen.
Weil etwas Erwartetes – etwas, das der Rhythmus versprochen hat – plötzlich fehlt.
Dieser Augenblick zeigt im Kleinen, was im Großen passiert, wenn eine autistische Routine gestört wird.
Autistische Routinen schaffen eine vorhersehbare Welt, und diese Vorhersehbarkeit ist kein Luxus. Sie ist notwendig, um funktionieren zu können. Doch sie ist zugleich zerbrechlich: Routinen erzeugen Erwartungen, und Erwartungen schaffen Stabilität. Wenn die Routine bricht, selbst auf eine Weise, die von außen banal wirkt, bricht die ganze innere Struktur mit.
Eine gestörte Routine verursacht nicht bloß Ärger. Sie kann einen vollständigen Shutdown auslösen, Lähmung, Panik oder Überforderung. Was für andere wie eine Kleinigkeit aussieht, kann sich anfühlen, als würde der Boden weggezogen.
Warum? Weil für autistische Menschen ein Bruch in der Routine den Verlust von Planbarkeit bedeutet. Und der Verlust von Planbarkeit bedeutet den Verlust von Sicherheit.
Sicherheit gehört zu den grundlegendsten menschlichen Bedürfnissen. Wenn es erschüttert wird, reagiert der Körper: Anspannung, Angst, emotionale Überflutung, gedankliche Blockade. Die Welt wird wieder unvorhersehbar: chaotisch, unsicher, zu laut und zu schnell. Man weiß nicht mehr, was als Nächstes geschieht oder wie man sich darauf vorbereiten soll.
Darum sind Routinen im Autismus nicht optional. Sie sind keine Starren, die überwunden werden müssen, sondern tragende Strukturen, die Leben ermöglichen. Sie sind ein Gerüst. Sie sind leise, stabilisierend und unverzichtbar.
Der Advent zeigt uns, dass Struktur etwas Wohltuendes sein kann, etwas Bedeutsames und zutiefst Menschliches. In ähnlicher Weise sind autistische Routinen Ausdruck des Bedürfnisses nach Orientierung und Sicherheit. Sie schaffen Frieden in einer Welt, die sich so oft alles andere als friedlich anfühlt.
Und vielleicht können wir in dieser Adventszeit, wenn wir Kerze um Kerze entzünden oder das nächste kleine Türchen öffnen, einen Moment innehalten und anerkennen, wie kraftvoll und wichtig solche Rituale wirklich sind; für uns alle, aber besonders für autistische Menschen, die ihr Leben darauf aufbauen.


