Vom Bedürfnis, Begeisterung zu teilen

Ich bin ein ganz großer Jurassic Park-Fan. Letzten Sommer kam der siebte Film der Reihe in die Kinos und war alles, was ich mir wünschen konnte: gute Musik, vorhersehbare Handlung, nicht zu viele und leicht zu unterscheidende Charaktere und natürlich Dinosaurier. Gerade Letztere haben es mir nämlich besonders angetan. Für mich ist alles sehenswert, solange es Dinosaurier beinhaltet. Entsprechend begeistert war ich von diesem Film, besonders vom neuen T-Rex „Ember“, der sich nicht durch bedrohliche Schritte ankündigt, sondern friedlich in der Sonne dösend ins Bild rollt.

Das Franchise hat sich immer große Mühe gegeben, seine Dinosaurier als realistisch wirkende Tiere darzustellen. Bereits im ersten Film zeigte sich jedoch eine Tendenz, vor allem die großen Fleischfresser in einem eher schlechten Ernährungszustand zu zeigen. Was zunächst noch der Coolness geschuldet zu sein scheint, erreichte im fünften Film einen traurigen Höhepunkt mit dem deutlich unterernährten Indoraptor, dessen Haltung jeglicher Ethik widerspricht und dessen Zustand auch offiziell bestätigt wurde.

Gleichzeitig zeigen all diese Tiere teils schwere Verhaltensauffälligkeiten, die wilde Raubtiere so mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zeigen würden. Mich persönlich hat das immer traurig gemacht, auch wenn es im Kontext der Story durchaus Sinn ergibt. Alle Katastrophen der Filme basieren auf Nachlässigkeit, Fahrlässigkeit und generell menschlichem Versagen. Schlechte Haltungsbedingungen sind ein wiederkehrendes Problem der Reihe.

Umso begeisterter war ich beim Anblick Embers. Anders als die Vorgänger ist Ember ein wohlgenährter und offensichtlich gesunder Dinosaurier – physisch wie psychisch. Die Jagd auf das Schlauchboot der menschlichen Protagonisten, an deren Namen ich mich leider nicht mehr erinnern kann, wirkt mehr wie Spielverhalten als wie eine echte Jagd. Das macht Sinn, hat Ember doch offensichtlich gerade erst gegessen und noch Reste übrig. Ember hat keinen Hunger. Ember zeigt Interesse, wirkt verspielt und lässt von den Menschen ab, sobald sie zu viel Aufwand werden. Fast alle Attacken richten sich gegen das Schlauchboot – wobei gesagt werden muss, dass Schwimmkörper oft sehr erfolgreich als Enrichment für große Raubtiere zum Einsatz kommen.

 

Oh, du bist noch da?

Respekt. Viele Menschen schalten sehr viel früher ab, wenn ich über den Ernährungszustand und die Haltungsbedingungen von fiktiven Dinosauriern spreche. Das waren gerade sehr viele Informationen auf einmal – und das zu einem Thema, das mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht erwartet wurde. Ich habe diese Informationen dabei nicht in drei Minuten gelernt. Ich war drei Mal im neuen Film, habe Bonusmaterial angesehen und Screenshots analysiert. Ich habe Interviews gehört und bin Teil diverser Gruppen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Ich habe diese Informationen und Gedanken über einen langen Zeitraum zusammengetragen, zu einem Thema, das mich sehr interessiert.

Der Leser hat dieses Vorwissen nicht. Die Thematik erscheint plötzlich, komprimiert und mit vielen nur teilweise erklärten Details. Das macht den Text dicht und fordert Aufmerksamkeit, auch wenn Lesen den Vorteil bietet, das Tempo selbst bestimmen zu können.

Wenn ich über ein Thema rede, das mich fasziniert, möchte ich möglichst viele Informationen auf einmal teilen. Dann rede ich schnell, ohne Atempausen, und übergehe Unterbrechungsversuche, sofern sie nicht sehr deutlich formuliert sind.

Im Zusammenhang mit Autismus nennt man dieses Verhalten „Info-Dumping“: das rasche, detailreiche Erzählen über ein eng begrenztes Thema, ohne dass sich ein wechselseitiges Gespräch entwickelt. Dass das für andere anstrengend sein kann, weiß ich spätestens seit jenen Nächten, in denen mich meine Mutter gegen ein Uhr mit den Worten „Geh nach Hause, ich will seit drei Stunden schlafen!“ verabschiedet und effektiv vor die Tür gesetzt hat.

Ich selbst nehme solche Situationen anders wahr. Für mich steht Begeisterung und der Wunsch, sie mit jemandem zu teilen im Vordergrund. Und ich teile sie nicht mit jedem. Menschen, denen gegenüber ich so ins Reden gerate, sind mir wichtig. Diese Menschen mag ich. Sehr sogar. Meine Informationsfülle ist meine Art, Zuneigung zu zeigen. Worte, Inhalte und Details sind für mich die primären Mittel, Verbundenheit herzustellen.

Damit übernimmt Info-Dumping bei mir die Funktion, die für viele NTs Smalltalk hat. Während NTs Verbindung über Tonfall, Mimik, Haltung und Zustimmung herstellen, nehme ich viele dieser Signale oft gar nicht wahr. Smalltalk wirkt auf mich oft oberflächlich, weil ich seinen geringen Informationsgehalt stärker bemerke. Und das ist etwas, das ich eher mit Distanz verbinde.

Ich selbst zeige kaum körperliche Zuneigungssignale. Deshalb wird mein informationsreicher Beitrag häufig nicht als soziale Geste erkannt, obwohl er genau das ist: ein Versuch, Nähe herzustellen.

Es ist schade, wie wenig Bewusstsein es für unterschiedliche Kommunikationsmuster gibt. Viele Menschen halten ihre eigene Art zu sprechen und zuzuhören für den Standard und empfinden alles Abweichende als seltsam oder unhöflich. Dabei existiert eine enorme Vielfalt an Ausdrucksweisen, die alle eine wichtige soziale Funktion erfüllen.

Gerade wenn autistische und nicht-autistische Kommunikationsstile aufeinandertreffen, entstehen Missverständnisse nicht aus böser Absicht, sondern weil beide buchstäblich unterschiedliche „soziale Sprachen“ sprechen. NTs achten stärker auf nonverbale Signale, Autisten konzentrieren sich auf Inhalt, Präzision und Intensität der Worte. Beide Systeme sind logisch und funktional, nur verschieden.

Viele Autisten arbeiten zudem monotrop, also mit einer stark gebündelten Aufmerksamkeit. Monotropismus kann erklären, warum Info-Dumping so natürlich erscheint. Wenn ein Thema gerade das Zentrum der Aufmerksamkeit bildet, möchte man es vollständig und leidenschaftlich teilen. Umgekehrt macht die Themenwechselhaftigkeit von Smalltalk den Austausch anstrengend.

Beide Kommunikationsformen haben Stärken. Smalltalk schafft schnelle, unverbindliche Verbindungen. Info-Dumping ermöglicht tiefe, ehrliche und vertrauensvolle Nähe. Wenn beide Seiten verstehen, was die andere ausdrücken möchte, entstehen wunderbare Gespräche.

Am Ende ist es egal, ob man Nähe durch ein leises „Wie war dein Tag?“ ausdrückt oder durch einen leidenschaftlichen Vortrag über Dinosaurier und filmische Fehlentscheidungen bei ihrer Darstellung. Wichtig ist, dass wir Wege finden, einander zu hören und zu verstehen und vielleicht lernen wir so, dass es mehr als eine richtige Art gibt, sich jemandem zuzuwenden.

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