Kannst du nicht sprechen?

Vorstellungsrunde. Alle sitzen im Kreis und stellen sich nacheinander vor. Name, Alter, Wohnort – was eben zur Situation passt. Ich warte darauf, dass ich an der Reihe bin. Gleich ist es so weit. Ich atme tief durch. Was sage ich gleich? Name zuerst. Reicht mein Vorname? Nein, die anderen sagen beide Namen.

Noch vier Personen.

Wie alt bin ich noch mal? Moment, gerade hat sich jemand nur mit Vornamen vorgestellt. Wie ist es denn jetzt richtig?

Noch drei Personen.

Also Name, Alter… was war noch mal das dritte? Ach ja, Wohnort. Und dann sollten wir noch etwas über uns sagen. Was sagt man denn da?

Noch zwei Personen.

Über mich gibt es nichts zu sagen. Name. Und Nachname. Alter. Wohnort. Noch eine Person. Mir fällt nichts ein, was ich über mich sagen könnte. Kann ich das einfach weglassen?

Noch eine Person.

Wohnort. Alter. Nein, das war verkehrt.

Ich bin dran.

Ich möchte etwas sagen. Wirklich. Ich will unbedingt etwas sagen! Und alles ist weiß. Zumindest in mir drin ist plötzlich alles weiß. Wie heiße ich noch mal? Ah ja, richtig. Ich will es sagen. Aber es kommt nicht raus. Mein Hals ist zu. Alles ist fest. Ich schaue verschämt unter mich. „Du bist dran“, flüstert mir jemand von der Seite her zu. Ich weiß. Aber ich kann nicht. Ich würde wirklich gerne etwas sagen, aber es geht einfach nicht. Alles ist fest. Alles ist weiß. Und mir wird schummrig. Ich habe solche Angst und ich kann nicht mal sagen, wovor eigentlich.

Alle schauen auf mich. Die meisten sind verwundert. Manche besorgt. Aber ich kann niemanden ansehen. Ich sitze nur da. Schweigend, unter mich schauend und wünsche mir, nicht zu existieren.

Solche Vorstellungsrunden habe ich in meinem Leben oft durchlebt. An diesem Punkt kann die Geschichte in zwei Richtungen weitergehen: Entweder mein Umfeld übergeht mich und der nächste macht weiter – oder mein persönlicher Albtraum erreicht einen neuen Höhepunkt. Mein Schweigen ist für andere in so einem Moment oft völlig unverständlich. Es verunsichert, bereitet Sorgen und passt so gar nicht zu dem, wie ich sonst eigentlich bin. Und im ehrlichen Wunsch, mir zu helfen und mich zu sehen, wird versucht, mich zum Reden zu bringen. „Komm, versuch es doch mal.“ „Ist alles in Ordnung?“ Und mein ganz persönlicher Favorit aus der Kindheit: „Weißt du etwa nicht, wie du heißt?“

Doch alles, was diese Versuche mit mir machen, ist weiteren Druck aufzubauen. Jeder gut gemeinte Satz lässt das Rauschen in meinem Kopf lauter werden. Jedes Wort an mich schnürt mir die Kehle enger zu. Ich muss hier weg. Ich halte das nicht mehr aus. Aber auch das geht nicht. Alle sehen noch immer auf mich. Ich kann nicht sprechen, ich kann nicht weg. Ich kann nicht mal richtig denken. Und es wird immer schlimmer, bis ich schließlich zusammenbreche.

„Selektiver Mutismus“ ist eine soziale Angststörung, die auch bei Autismus häufig komorbid anzutreffen ist. Dabei sprechen Betroffene in bestimmten sozialen Situationen nicht, obwohl sie keine sprachlichen Einschränkungen haben. Dieses Verhalten zeigt sich oft schon im Kindergarten: Kinder sprechen zu Hause völlig selbstverständlich, verstummen jedoch in Gruppen, gegenüber Fremden oder in Situationen, die sie als überfordernd erleben. Warum genau das passiert, ist wissenschaftlich noch nicht vollständig geklärt. Man geht jedoch davon aus, dass soziale Angst und ein Übermaß an Stressreaktionen eine zentrale Rolle spielen. Es ist eine Art innerer Alarmzustand, der wie ein Schalter wirkt und die Sprache abrupt verschwinden lässt.

Der Begriff „selektiv“ weckt dabei oft die falschen Assoziationen. Er klingt, als würden Betroffene auswählen, wann sie sprechen wollen und wann nicht. Doch Selektiver Mutismus ist keine Entscheidung. Er ist kein Trotzverhalten, keine Schüchternheit und erst recht kein Ausdruck von Desinteresse oder Unhöflichkeit. Es ist ein unwillkürliches, vollständiges Verstummen, das von innen heraus auch dann nicht durchbrochen werden kann, wenn man eigentlich unbedingt sprechen möchte. Der Körper befindet sich in einem Zustand absoluter Alarmbereitschaft; einer Mischung aus Angst, Erstarrung und Überforderung; und jeder Versuch von außen, diesen Zustand zu beenden, verschlimmert ihn nur weiter.

Die Angst, die hinter Mutismus steckt, kann dabei viele unterschiedliche Ursprünge haben. Selektiver Mutismus tritt zum Beispiel auch im Zusammenhang mit Sozialphobie auf, bei der die Angst vor Menschen selbst im Vordergrund steht. Doch nicht alle Betroffenen haben Angst vor den anderen. Manche haben Angst vor Fehlern, vor dem eigenen Versagen, vor der Erwartungshaltung, die sie in solchen Momenten überwältigt. Manche erleben die Situation schlicht als zu intensiv: zu viel Aufmerksamkeit, zu viele Eindrücke und zu viele potenzielle Fallstricke. Der Stress wächst, bis er die Schwelle zur Angst überschreitet und der Körper in den Modus des Verstummens kippt. So unterschiedlich die Ursachen sein können, so verschieden zeigt sich auch das Verhalten. Einige sprechen nur in sehr bestimmten Situationen nicht, andere verlieren ihre Sprache fast durchgehend, sobald sie ihr vertrautes Umfeld verlassen. Jeder Betroffene bringt seine ganz eigene Kombination an Auslösern mit und alle sind gleichermaßen real und ernst zu nehmen.

Für Außenstehende ist diese Reaktion meist schwer nachzuvollziehen. Ihr Instinkt ist oft, zu helfen. Und Hilfe bedeutet in unserer Gesellschaft vor allem reden, fragen und ermutigen. Doch genau das ist der Mechanismus, der die Sprachblockade verfestigt. Jede Aufforderung erhöht den Druck. Jede Frage verlangt eine Antwort, die nicht kommen kann. Jede liebevolle Ermutigung erinnert daran, dass man gerade etwas nicht kann, was alle anderen offenbar problemlos beherrschen. Mit jeder Ansprache wird das Schweigen tiefer und der Weg zurück ein bisschen länger.

Was in solchen Momenten wirklich hilft, sind Ruhe und Akzeptanz. Schweigen darf nicht als Problem behandelt werden, das sofort gelöst werden muss. Es ist ein Zustand, der sich erst lösen kann, wenn die Situation, die als gefährlich eingestuft wurde, an Intensität verliert. Und diese „Gefahr“ besteht selten aus realen Bedrohungen, sondern aus Aufmerksamkeit. Auch die institutionellen Erwartungen spielen hierbei eine große Rolle. In Schulen etwa wird mündliche Mitarbeit oft als selbstverständlich vorausgesetzt und bewertet. Für Kinder, die aus psychischen Gründen in bestimmten Situationen nicht sprechen können, ist das fatal. Es wird eine Fähigkeit verlangt, die für sie nicht jederzeit verfügbar ist. Die Bewertung fällt nicht nach Leistung, sondern nach Symptomatik aus.

Solche Erfahrungen hinterlassen Spuren. Zwang, Druck und negative Bewertung im Angesicht einer körperlichen Angstsymptomatik können weit in das Erwachsenenleben hineinwirken. Häufig bleiben eine tief sitzende Scham und ein ausgeprägtes Vermeidungsverhalten zurück, begleitet von Misstrauen in die eigenen Fähigkeiten und einem niedrigeren Selbstwertgefühl besonders in Situationen, in denen Kommunikation erwartet wird. Manche entwickeln körperliche Stressreaktionen, die selbst Jahre später noch ausgelöst werden können, andere passen sich übermäßig an, um nie wieder „aufzufallen“. Und für einige mündet die Summe all dieser Belastungen schließlich in anhaltenden sozialen Ängsten.

Leider ist selektiver Mutismus und der Umgang damit in der Gesellschaft noch sehr unbekannt. Es wäre wichtig, hier für Aufklärung zu sorgen, die vielleicht auch dazu führt, dass Erwartungshaltungen hinterfragt und gegebenenfalls angepasst werden, wenn sie Menschen aufgrund ihrer Fähigkeiten exkludieren.

Wenn wir lernen, Raum für unterschiedliche Kommunikationsweisen zu lassen, schaffen wir nicht nur Erleichterung für Betroffene sondern auch eine Gesellschaft, in der Menschen sich gesehen fühlen, ohne sich verbiegen zu müssen. Eine Gesellschaft, in der Worte kommen dürfen, wenn sie bereit sind. Und in der Schweigen nicht gegen jemanden spricht.

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