Ableismus – Was ist das eigentlich?

Man stelle sich einmal vor, in einer großen Stadt würde ein neues Rathaus gebaut werden. Ganz modern, alles total schick und architektonisch wegweisend. Endlich ist er da: ein Stil, der ein ganzes Jahrhundert prägen wird! Und natürlich hat der Architekt auch an die Umwelt gedacht. Das gesamte Gebäude ist energetisch perfekt. Als zusätzliche Energiesparmaßnahme wurde sogar auf Fahrstühle verzichtet. Alle vier Stockwerke lassen sich über geräumige und äußerst ansprechend gestaltete Treppen problemlos erreichen. Das Einwohnermeldeamt befindet sich im dritten Stock, von wo aus man eine wunderbare Aussicht über die Innenstadt hat.

Frau Meier freut sich ganz besonders, dass das neue Rathaus endlich fertig gestellt ist. Sie benötigt nämlich dringend einen neuen Ausweis. Passbild, Unterlagen – alles ist beisammen. Es gibt nur ein Problem: Frau Meier ist stolze 94 Jahre alt und für ihr Alter noch immer sehr rüstig. Drei Stockwerke sind für sie jedoch einfach nicht mehr körperlich zu bewältigen. Menschen wie Frau Meier wurden im Konzept des Gebäudes schlicht nicht berücksichtigt.

Was Frau Meier hier widerfährt, ist eine Form struktureller Benachteiligung. Denn es ist nicht nur Frau Meier, die hier ausgeschlossen wird. Ein öffentliches Gebäude, das bewusst auf Fahrstühle verzichtet und dessen Stockwerke ausschließlich über Treppen erreichbar sind, verhindert die Teilhabe aller Menschen mit eingeschränkter Mobilität; sei es aufgrund der allgemeinen körperlichen Verfassung oder aufgrund einer bestehenden Behinderung. Das neue Rathaus ist damit ein exklusives Gebäude und in seiner Struktur zutiefst ableistisch.

Der Begriff „Ableismus“ entstand in den 1960er- und 1970er-Jahren im englischsprachigen Raum im Kontext der Behindertenrechtsbewegung. Er soll der systematischen Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen einen Namen geben. Über die Disability Studies, inklusive Pädagogik und Soziologie, fand der Begriff schließlich auch Eingang in den deutschen Sprachgebrauch.

Die Grundidee des Ableismus beruht auf der Tendenz, Menschen anhand ihrer Fähigkeiten zu bewerten. Abweichungen von der angenommenen Norm werden dabei als Mangel betrachtet und entsprechend abgewertet. Mit der Endung „-ismus“ lehnt sich der Begriff an Konzepte wie Rassismus oder Sexismus an, die ebenfalls strukturelle Benachteiligung beschreiben. Ableismus geht auf Denkmuster zurück, die stark von Normvorstellungen geprägt sind. Der Durchschnitt wird dabei nicht nur als statistisches Mittel verstanden, sondern als Maßstab, an dem der Wert eines Menschen festgemacht wird. Leistungsfähigkeit, Produktivität und Belastbarkeit stehen im Fokus dieser Wertvorstellungen. Ein Ausbleiben von Leistung wird als Defizit wahrgenommen. Behinderung wird dabei als individuelles Problem betrachtet, während gesellschaftliche Barrieren häufig ausgeblendet werden.

In unserem Beispiel wird die Fähigkeit, Treppen steigen zu können, als selbstverständlich vorausgesetzt. Genau diese Fähigkeit steht jedoch vielen Menschen nicht uneingeschränkt zur Verfügung. Trotzdem wird sie als Norm angenommen, da die meisten Menschen Treppen gehen können. Frau Meiers Situation wird folglich als „ihr Problem“ eingeordnet. Es werden keine Maßnahmen ergriffen, um ihr oder anderen Menschen die Teilhabe zu ermöglichen. Damit liegt eine systemische Diskriminierung klar und von außen nachvollziehbar vor.

Treppen werden häufig als Beispiel herangezogen, um Ableismus zu erklären. Viele Mobilitätseinschränkungen sind sichtbar und logisch nachvollziehbar. Jeder, der sich schon einmal den Knöchel verknackst hat, besitzt zumindest ein grundlegendes Verständnis dafür, wie herausfordernd Stufen sein können. Das macht dieses Beispiel so anschaulich – zugleich aber auch problematisch, denn Ableismus ist nicht immer offensichtlich. Oft muss man sehr genau hinsehen, um diskriminierende Denkweisen überhaupt erkennen zu können.

Viele Behinderungen und Einschränkungen sind nach außen hin nicht sichtbar. Dennoch verursachen sie einen realen Hilfsbedarf, der berücksichtigt werden muss. Menschen mit solchen „unsichtbaren Behinderungen“ sind besonders häufig Ableismus ausgesetzt, da ihre Einschränkungen oft nicht wahrgenommen oder ihnen sogar abgesprochen werden, weil sie äußerlich der angenommenen „Norm“ zu entsprechen scheinen.

Doch selbst wenn Einschränkungen anerkannt werden, zeigt sich häufig, wie tief ableistisches Denken in der Gesellschaft verankert ist. Viele Hilfsangebote gehen trotz guter Absichten an den tatsächlichen Bedürfnissen Betroffener vorbei. Der Fokus liegt dabei oft auf der Intention der Helfenden, nicht jedoch auf der Wirkung, die diese Hilfe auf die Betroffenen hat. Ein instinktives Anpassen der Sprache an ein vermeintlich „einfacheres“ Niveau kann als bevormundend empfunden werden. Tröstende Relativierungen wie „andere haben es schlechter“ verstärken das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden oder sich „nur anzustellen“, obwohl ein realer Hilfsbedarf besteht. Auch gut gemeinte Motivationsparolen können Grenzen überschreiten. Die Enttäuschung, wenn sich zeigt, dass es eben doch nicht nur an der Motivation lag, ist eine weitere Form leistungsorientierter Abwertung. Nicht zuletzt sind Hilfen von offizieller Seite für Menschen mit entsprechenden Einschränkungen häufig schwer zugänglich, da bürokratische Abläufe zu unflexibel sind, um auf genau jene Menschen einzugehen, denen sie eigentlich Erleichterung verschaffen sollen.

Aus unpassenden oder unzureichenden Hilfsangeboten ergibt sich häufig ein weiterer zentraler Aspekt des Ableismus: Es wird über Betroffene gesprochen, nicht mit ihnen. Frau Meier war nicht Teil des Gremiums, das über den Neubau des Rathauses entschieden hat. Menschen ohne Mobilitätseinschränkungen planten ein Projekt, das Menschen mit Einschränkungen faktisch ausschließt. Auch wenn das Beispiel des Rathauses zugespitzt ist, beschreibt es eine alltägliche Realität. Entscheidungen über Barrierefreiheit werden häufig von jenen getroffen, die selbst nicht auf sie angewiesen sind. Fehlende oder unzugängliche Rampen sind ein typisches Ergebnis dieser Perspektive und ein häufiger Designfehler moderner Architektur. Was dabei oft übersehen wird: Auch bei Hilfsangeboten wird selten danach gefragt, was tatsächlich gebraucht wird. Stattdessen werden Lösungen entworfen, die gut gemeint sind, aber an den realen Bedürfnissen der Betroffenen vorbeigehen.

Ein nicht-ableistischer Umgang setzt an einem grundlegenden Perspektivwechsel an. Im Zentrum stehen dabei Selbstbestimmung, Respekt und die Anerkennung individueller Bedürfnisse. Hilfe sollte angeboten, aber nicht aufgezwungen werden. Entscheidend ist nicht die Anpassung an eine vermeintliche Norm, sondern die Ermöglichung gleichberechtigter Teilhabe. Eine respektvolle Kommunikation auf Augenhöhe bedeutet, Betroffene in Bezug auf ihre eigene Lebensrealität ernst zu nehmen. Grenzen anzuerkennen, ohne sie zu bewerten, ist ein wesentlicher Bestandteil dieses Ansatzes. Dabei gilt es, individuelle Bedürfnisse zu berücksichtigen und Rückmeldungen ernst zu nehmen, denn die Wirkung von Hilfe ist letztlich wichtiger als ihre Absicht. Ein nicht-ableistisches Denken erfordert zudem die Bereitschaft, eigene Privilegien und unausgesprochene Annahmen kritisch zu hinterfragen.

Ableistisches Denken ist dabei eine tief verwurzelte gesellschaftliche Haltung, die sich durch nahezu alle Lebensbereiche und Schichten der Gesellschaft zieht. Häufig übernehmen auch Betroffene diese Denkmuster und beginnen, sich selbst an Maßstäben zu messen, die ihnen nicht gerecht werden können. Aussagen wie „stell dich nicht so an“ oder „andere schaffen das doch auch“ sind grundlegende Ausdrucksformen ableistischen Denkens. Da sie gesellschaftlich weit verbreitet sind, werden sie oft verinnerlicht und entwickeln sich zu einer inneren Bewertungsinstanz. Die eigene Belastung wird relativiert, der eigene Hilfebedarf infrage gestellt. Auf diese Weise wirkt Ableismus nicht nur von außen, sondern auch nach innen mit erheblichen Auswirkungen auf Selbstwert, Selbstfürsorge und das Recht, Unterstützung einzufordern.

Gerade in der Weihnachtszeit, in der wir uns im Moment befinden, ist immer wieder von „Besinnlichkeit“ die Rede. Vielleicht ist gerade diese Besinnlichkeit ein guter Anlass, einmal zu reflektieren, wie sehr Ableismus das eigene Leben beeinflusst. Welche Denkstrukturen finden wir bei uns? Worüber definieren wir uns und andere Menschen? Welchen Stellenwert hat Leistung in unserem Selbst- und Menschenbild? Was sehen wir als gegeben an – auch wenn es nicht gegeben sein muss?

Ableismus ist keine einzelne Tat – es ist eine Denkweise, die eine Gesellschaft durchdringt. Und eine Denkweise lässt sich nur dann ändern, wenn wir dazu bereit sind, den Status quo zu hinterfragen und gemeinsam neue Wege zu finden.

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