Alles oder nichts – die dunkle Seite des Perfektionismus
Eigentlich würde ich jetzt gerne irgendetwas schreiben. Ich habe Zeit, ich habe ein Thema und mich wird in nächster Zeit auch niemand stören. Aber es geht nicht. Es ist nicht so, dass ich es nicht versucht hätte. Ich habe inzwischen schon häufiger in der letzten Stunde angefangen, habe verschiedene Einstiegsmöglichkeiten durchdacht, Zitate herausgesucht und ausprobiert, wie sie als Einleitung passen – und ebenso viele Versuche habe ich inzwischen auch schon wieder gelöscht, da sie mir ungeeignet, unpassend oder schlicht nicht gut genug erschienen, um zu existieren. Und mit jedem neuen Versuch verstärkt sich mein Verdacht, dass vielleicht auch ich nicht gut genug bin.
Wobei, ein Verdacht ist es nicht wirklich. Es ist mehr eine tiefe Überzeugung, mit der ich täglich lebe und mit der ich mich immer wieder aufs Neue auseinandersetzen muss: Ich bin unfähig. Egal, wie sehr ich mich anstrenge, wie viel ich übe, wie viel ich versuche zu lernen – ich mache immer Fehler. Nichts, was ich jemals erreicht habe, war fehlerfrei. Jedes Projekt, in das ich mich gestürzt habe, hat mir nur wieder gezeigt, wie sehr ich versagen kann.
Wenn ich auf Dinge sehe, die ich geschaffen habe – Bilder, Texte, das Abendessen –, sehe ich all die Punkte, die daran „falsch“ sind. Und je länger ich hinschaue, desto mehr fällt mir auf, bis ich schließlich nichts mehr daran sehen kann, das „gut“ oder zumindest „akzeptabel“ wäre. Meine Erinnerungen bestehen nicht aus Errungenschaften, sie bestehen aus Versagen.
„Perfektionismus“ ist ein sehr interessantes Wort. Das Streben nach Vollkommenheit klingt doch eigentlich ganz gut. Und „Ich bin zu perfektionistisch“ klingt fast wie die perfekte Antwort auf die Vorstellungsgesprächsfrage nach der größten Schwäche. Doch was, wenn genau dieses Streben pathologisch wird?
Ich bin Perfektionist.
Für mich bedeutet das Leben mit pathologischem Perfektionismus ein Leben in konstanter Angst vor dem Versagen. Mein empfundener Selbstwert basiert vollständig auf Leistung, die ich tragischerweise selbst nicht wahrnehmen kann. Und mit jedem weiteren Fehler, den ich an mir entdecke, festigt sich meine Überzeugung, wertlos zu sein. Und meine größte Angst ist, dass andere mich so sehen könnten, wie ich mich selbst sehe.
Ein gesundes Selbstwertgefühl entwickelt sich schon früh in Kindheit und Jugend. Menschen lernen über Erfahrung und Rückmeldung ihre Fähigkeiten kennen. Im besten Fall lernen sie in einem sicheren Rahmen ihre eigenen Grenzen kennen, während sie gleichzeitig lernen, in ihre eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Gerade die Rückmeldung von außen ist dabei ein recht komplexes Sozialverhalten, das sehr auf Fähigkeiten im nonverbalen Bereich setzt: ein anerkennendes Nicken, Tonfall, Zuwendung. Für die meisten Menschen ist das gut zu erkennen. Wenn jedoch Einschränkungen im Bereich der nonverbalen Kommunikation vorliegen, kann es passieren, dass sehr vieles nicht „ankommt“. Kritik ist da deutlich einfacher zu erkennen. Sie wird meist sehr direkt und verbal geäußert.
Das Wahrnehmen nonverbaler Kommunikation ist bei vielen Autisten wie mir nur eingeschränkt möglich. Ich nehme Anerkennung nur wahr, wenn sie ausgesprochen wird. Gesellschaftlich ist genau das aber eher unüblich. Entsprechend ist die Rückmeldung, die ich am meisten in meinem Leben erhalten habe, Kritik an meiner Leistung und an meinem Sein. Gerade Letzteres berichten Autisten sehr häufig. Wer schon als Kind „anders“ ist, wächst oft mit einem deutlich erhöhten Maß an Kritik auf, für das es keinen Ausgleich gibt. Vor allem bei nicht erkanntem Autismus ist das Risiko hierfür besonders hoch. Und ein Selbstwertgefühl, das sich fast ausschließlich aus Kritik speist, ist langfristig weder „gesund“ noch tragfähig.
Als besonders perfide empfinde ich dabei, dass ich Perfektion nicht aus einem höheren Antrieb heraus anstrebe. Ich empfinde Abweichung als schön. Menschlichkeit zeigt sich in Fehlern, nicht in Perfektion. Künstlerischer Ausdruck und Persönlichkeit entstehen aus Varianz und Abweichung, nicht aus Exaktheit. Und ich schätze Menschlichkeit in allen Bereichen als hohes und wertvolles Gut.
Nur in mir selbst, da will das nicht klappen. Wenn ich nach Hilfe suche, stoße ich auf Aussagen wie „Es muss nicht immer alles perfekt sein“, „Finde Aufgaben, bei denen es nicht auf Perfektion ankommt“ oder „Lerne, dich selbst anzunehmen“. Das sind wirklich gut klingende Sätze, aber ich weiß, dass nicht alles perfekt sein muss. Mehr noch: Echte Perfektion ist schlicht unerreichbar. Und Aufgaben finden, bei denen nicht alles perfekt sein muss? Ich kämpfe bereits mit Gefühlen von Unfähigkeit und Scham, wenn ich meinen Schal nicht finden kann. Und ich nehme mich selbst schon sehr lange kompromisslos an. Ich akzeptiere mein Selbstbild. Das nimmt zwar etwas den Druck raus, aber verbessert hat sich mein Selbstbild dadurch nicht.
Was mir geholfen hätte, das wäre ein anderer Umgang meiner Umgebung mit Leistung und Kritik gewesen – und zwar nicht jetzt, sondern früher, als diese Form der Prägung noch nicht so fest in mir verankert war. Ein Umfeld, das Leistung offen in gleicher Form anerkennt, wie es Kritik liefert, und das Kinder nicht für ihr angeborenes Wesen abwertet, wäre sehr wertvoll gewesen. Eine Gesellschaft, die Leistung weder als Wert noch als Verpflichtung wahrnimmt, hilft Menschen dabei, einen eigenständigen und auf der Persönlichkeit des Einzelnen basierenden Selbstwert aufzubauen, der tragfähig ist.
Davon sind wir heute leider noch immer weit entfernt. Mir wurde einmal gesagt, dass ich nicht wie ein Mensch wirken würde, der Anerkennung braucht, da ich nicht darauf zu reagieren scheine. Meine Leistung wird heute nicht nur von mir vorausgesetzt, sondern auch von einem Umfeld, das diese Leistung gewöhnt ist – und was gewöhnt ist, ist nicht erwähnenswert. Und eines stimmt: Ich reagiere heute tatsächlich kaum bis gar nicht auf verbale Anerkennung. Sie macht mir Angst, und ich versuche instinktiv, Anerkennung umzuleiten oder zu ignorieren. Sie ist nicht mit meinem Selbstbild vereinbar, und alles, das dem Selbstbild widerspricht, kann als Bedrohung empfunden werden. Was nicht stimmt, ist, dass ich keine Anerkennung brauche. Alle Menschen brauchen Anerkennung. Und alle Menschen haben sie verdient.
Vielleicht lässt sich auf lange Sicht etwas bewirken, wenn wir uns darüber Gedanken machen, wie wir selbst Rückmeldung an andere Menschen geben. Wann haben wir das letzte Mal jemanden ohne Aufforderung gelobt? Wann haben wir das letzte Mal Kritik geäußert? Schaffen wir es, Lob und Kritik auszubalancieren, oder überwiegt eines von beiden?
„Die Krankheit unserer Zeit ist der Perfektionismus“ – so soll es zumindest Konrad Adenauer gesagt haben, und so gelingt es mir nun doch noch, einen Aphorismus einzubauen. Vielleicht ist es ein guter Ansatz, Perfektionismus tatsächlich als gesellschaftliches Problem zu begreifen und gemeinsam an einer Zukunft zu arbeiten, in der die Entwicklung eines gesunden und positiven Selbstwerts gefördert wird – egal, welche Voraussetzungen wir mitbringen.


