Alexithymie im Alltag
Ich habe Hunger!
Zumindest deute ich das flaue Gefühl in meinem Magen so. Und dieses Gefühl hält nun schon eine ganze Weile an. Es ist wirklich Zeit, etwas dagegen zu unternehmen, auch wenn Essen gerade irgendwie nicht besonders verlockend klingt.
Doch irgendetwas stimmt nicht. Ich habe gegessen doch das Gefühl geht einfach nicht weg. Das kann also kein Hunger sein. Es sind auch keine echten Schmerzen, die einen Arztbesuch sinnvoll erscheinen ließen. Nach einer kurzen inneren Bestandsaufnahme stelle ich fest, dass es nicht nur mein Magen ist, der sich irgendwie leer anfühlt. Ich bin schon den ganzen Tag recht müde, und die Konzentration ist mir heute ebenfalls sehr schwergefallen. Und dann ist da noch diese Enge in der Brust – irgendwoher kenne ich das doch.
Und dann fällt es mir ein: Das ist Traurigkeit. Ich bin einfach nur traurig. Die letzten Tage waren anstrengend, und einiges hat nicht so funktioniert, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich habe viel Arbeit vor mir, und gerade fühlt sich alles mühsam an. Es ergibt durchaus Sinn, dass ich im Moment nicht fröhlich bin. Bauchschmerzen, Müdigkeit, Appetitlosigkeit – all das sind ganz normale körperliche Begleiterscheinungen von Traurigkeit. Ich brauche gerade nichts zu essen. Ich brauche Trost und Ruhe, um verarbeiten zu können, was sich in mir angestaut hat.
Das Nichterkennen von Gefühlen ist insbesondere im autistischen Spektrum ein häufig anzutreffendes Phänomen. Heute geht man davon aus, dass diese Problematik oft auf eine komorbid vorliegende Alexithymie zurückzuführen ist – auch Gefühlsblindheit genannt. Der Begriff setzt sich aus den Worten „a-“ (ohne), „lexis“ (lesen) und „thymos“ (Gefühl, Emotion) zusammen und beschreibt die Unfähigkeit, eigene Gefühle korrekt wahrzunehmen, zu erkennen und einzuordnen.
Wichtig ist hierbei die Abgrenzung zu emotionaler Taubheit, bei der Gefühle gar nicht oder nur sehr abgeschwächt auftreten, sowie zur Anhedonie, bei der positive Gefühle nicht empfunden werden können. Beide Zustände treten häufig im Zusammenhang mit Trauma oder Depression auf. Sie unterscheiden sich von der Alexithymie dadurch, dass bei letzterer Gefühle durchaus vorhanden sind, jedoch als unspezifische körperliche Zustände fehlinterpretiert werden.
Gefühlsblindheit ist kein eigenständiges Störungsbild und tritt meist in Kombination mit anderen Phänomenen auf. Mit einem geschätzten Anteil von etwa zehn Prozent ist Alexithymie in der Allgemeinbevölkerung nicht selten. Studien zeigen, dass der Anteil unter Autisten bei etwa 50 Prozent liegt. Während Gefühlsblindheit bei autistischen Menschen häufig von Geburt an besteht, kann sie auch im Laufe des Lebens erworben werden – meist im Zusammenhang mit Depressionen, Traumafolgestörungen oder Angststörungen.
Alexithymie lässt sich dabei als Spektrum begreifen. Während es manchen Menschen lediglich schwerfällt, Emotionen korrekt zu differenzieren, sind andere kaum oder gar nicht in der Lage, eine Verbindung zwischen körperlichen Empfindungen und emotionalen Zuständen herzustellen. Entsprechend fällt es vielen Betroffenen auch schwer, ihre Gefühle sprachlich zu benennen.
Doch Alexithymie wirkt sich nicht nur nach innen aus. Auch die Gefühle anderer Menschen sind für Betroffene oft schwer einzuordnen. Ist das ein wütendes Gesicht – oder einfach Verstopfung? Oh, da sieht jemand aber hungrig aus. Wie, du bist nur traurig? Besonders negative Emotionen scheinen hiervon betroffen zu sein. Freude und Lachen werden von vielen Menschen mit Alexithymie deutlich leichter erkannt als Gefühle, deren körperliche Symptomatik eher nach innen gerichtet ist.
Wenn Gefühle bei anderen nicht erkannt oder falsch zugeordnet werden, führt das schnell zu Missverständnissen. Ich kann mir relativ folgenlos selbst etwas zu essen machen und später feststellen, dass ich mich geirrt habe. Wenn ich jedoch einem anderen Menschen ein Brötchen schmiere, obwohl er eigentlich Trost bräuchte, kommt meine Hilfsabsicht nicht an. Ich nehme wahr, dass etwas nicht stimmt, und möchte helfen, doch aufgrund meiner eingeschränkten emotionalen Einordnung wirkt mein Verhalten eher distanziert oder kalt. Menschen fühlen sich dadurch schnell emotional übergangen oder nicht gesehen und bewerten die Situation auf einer persönlichen Ebene, statt sie als Wahrnehmungs- und Verarbeitungsunterschied zu verstehen.
Obwohl Alexithymie in der Bevölkerung weit verbreitet ist, existieren nur wenige differenzierte Darstellungen dieses Phänomens, und nur wenige Menschen kennen die zugrunde liegende Problematik. Gleichzeitig finden sich gerade in der Popkultur zahlreiche Figuren, deren Verhalten sich gut durch Alexithymie erklären ließe. Der Fokus liegt dabei jedoch meist auf der Außenwirkung dieser Figuren und nicht auf den inneren Ursachen ihres Handelns.
Ein sehr bekanntes Beispiel ist Sherlock Holmes in der BBC-Serie Sherlock. Er verfügt über eine außergewöhnliche sachliche Beobachtungsgabe, scheint jedoch gegenüber Gefühlen, seinen eigenen wie denen anderer, nahezu blind zu sein. Wiederholt übergeht er emotionale Reaktionen seines Umfelds vollständig und muss von anderen explizit darauf hingewiesen werden. Seine eigenen Gefühle benennt er kaum, obwohl er seine Gedanken meist sehr offen mitteilt. Emotionale Zustände beschreibt er primär als Langeweile, Stress oder Unterforderung – nicht jedoch als Gefühle im eigentlichen Sinne. Gleichzeitig verhält sich Sherlock im Verlauf der Serie immer wieder eindeutig emotional. Sein Verhalten passt nicht zu dem Bild, das er selbst von Emotionen zeichnet, und nicht zu der Art, wie er sie wahrzunehmen scheint.
Damit zeigt Sherlock recht deutliche Hinweise auf eine Alexithymie, die im Kontext der Serie durchaus plausibel erscheint. Der erzählerische Fokus liegt jedoch nicht auf den Ursachen seines Verhaltens, sondern auf dessen Wirkung: Sherlock erscheint arrogant, distanziert und für die meisten Menschen unnahbar.
Diese Form der Darstellung trägt zur Verfestigung von Klischees bei und macht es realen Betroffenen schwer, in der Gesellschaft auf Verständnis zu stoßen. Alexithymie ist nach außen unsichtbar, wird jedoch häufig als mangelnde Empathie, Desinteresse oder emotionale Kälte interpretiert. Betroffene sehen sich dadurch nicht nur mit Missverständnissen konfrontiert, sondern auch mit sozialen Erwartungen, die sie kaum erfüllen können. Das erschwert Beziehungen, berufliche Zusammenarbeit und nicht zuletzt den Zugang zu angemessener Unterstützung.
Gleichzeitig kann das Wissen um Alexithymie einen wichtigen Perspektivwechsel ermöglichen. Gefühle lassen sich lernen; zumindest in ihrer Deutung. Mit Sprache, Aufklärung und einem bewussteren Umgang mit körperlichen Signalen können Betroffene Wege finden, sich selbst besser zu verstehen und verstanden zu werden. Gefühlsblindheit bedeutet nicht Gefühllosigkeit. Sie beschreibt lediglich einen anderen Zugang zu Emotionen; einen, der Zeit, Geduld und Übersetzung braucht.


