Komm, lass uns Freunde finden!
Ich bin ein ganz großer Pokémon-Fan. Vor allem die Sammelkarten haben es mir angetan. Heute Morgen fand sich in meinem Adventskalender eine wunderschöne Karte. „Togedemaru“ ist ein kleines, igelähnliches Pokémon, das vor allem durch sein niedliches Aussehen und seine Freundlichkeit überzeugt. Was mir an dieser Karte allerdings am meisten ins Auge gesprungen ist, ist eine seiner Attacken: Freunde finden. Für nur eine Basis-Energie kann man einfach aus dem Deck ein Pokémon aussuchen – und schon hat man einen neuen Freund.
Wenn das nur immer so einfach wäre.
Das Thema Freunde finden taucht immer wieder auf, besonders häufig auch im Kontext von Autismus. Viele Autisten berichten, dass sie hier große Schwierigkeiten haben. „Wie findet ihr Freunde?“ ist dabei ein sehr typischer Einstieg. Bevor man sich dieser Frage jedoch nähert, lohnt es sich vielleicht, einen Schritt zurückzugehen und erst einmal zu klären, was ein Freund überhaupt ist.
Zwischenmenschliche Beziehungen lassen sich grob in verschiedene Ebenen einteilen. Das Basis-Level ist der Bekannte. Man hat sich getroffen, kennt den Namen des anderen, verbringt vielleicht auf der Arbeit oder im Verein Zeit miteinander, hat aber wenig Anlass, sich darüber hinaus privat zu treffen. Die erste Entwicklung darüber hinaus ist der gute Bekannte. Man freut sich, wenn man sich begegnet, spricht auch über persönlichere Themen wie Familie, Interessen oder Meinungen und trifft sich vielleicht auch mal auf einen Kaffee oder zum Wandern. Die letzte Entwicklungsstufe ist der Freund. Eine Freundschaft ist eine zwischenmenschliche Beziehung, die auf Vertrautheit, gegenseitigem Interesse und Fürsorge beruht.
Wo genau die Grenze verläuft, ab wann aus einem Bekannten ein guter Bekannter oder letztlich ein Freund wird, ist allerdings sehr individuell. Jeder Mensch empfindet diese Übergänge anders und setzt vor allem bei Freundschaft unterschiedliche Prioritäten. Auch innerhalb von Freundschaften gibt es feinere Abstufungen, die stark von der Dynamik der beteiligten Personen abhängen. Es gibt keine allgemeingültige „Freundschafts-Norm“, die eine Beziehung erfüllen muss, um als Freundschaft zu gelten.
Das Thema Freundschaft wirft dabei nicht nur für Autisten immer wieder Fragen auf. Verschiedenen Umfragen zufolge hat ein Mensch im Durchschnitt etwa drei „echte“ Freunde und zusätzlich zwischen zehn und fünfzehn gute Bekannte, die man auch als eher lose Freunde bezeichnen könnte. Diese Zahlen sind natürlich reine Mittelwerte und sagen wenig über das einzelne Individuum aus, geben aber dennoch eine hilfreiche Größenordnung zur Einordnung.
Spannend in diesem Zusammenhang ist die sogenannte Dunbar-Zahl. Sie beschreibt eine theoretische kognitive Grenze dafür, wie viele bedeutende soziale Beziehungen (also gute Bekanntschaften) ein Mensch gleichzeitig aufrechterhalten kann. Diese Grenze wird im Durchschnitt bei etwa 150 angesetzt, kann individuell jedoch zwischen 100 und 250 liegen. Wissenschaftlich ist diese Zahl umstritten, da die Abweichungen je nach Messmethode und Kontext sehr groß sind. Interessant ist jedoch der Unterschied zwischen dieser Zahl und der durchschnittlichen Anzahl „echter“ Freunde. Drei von 150 entsprechen etwa zwei Prozent. Selbst wenn man die Dunbar-Zahl kritisch betrachtet, würde das bedeuten, dass sich aus hundert guten Bekanntschaften im Schnitt ein bis zwei Freundschaften entwickeln – durchschnittlich und mit Vorsicht betrachtet. Lägt die Dunbar-Zahl eher bei 250, wäre es bei hundert guten Bekanntschaften sogar nur noch eine Freundschaft.
Wir suchen Freunde also nicht unter Fremden sondern unter guten Bekannten. Um ein bis zwei Freunde zu finden, müssen wir statistisch gesehen zunächst sehr viele Bekanntschaften schließen. Bei Pokémon gibt es sogenannte „Shinies“. Das sind im Grunde völlig normale Pokémon, die sich lediglich durch ein leicht anderes Aussehen von allen anderen ihrer Art unterscheiden. Shinies sind sehr selten und entsprechend begehrt. Man muss unzählige Pokémon fangen, bis man einem Shiny begegnet. Doch wenn es passiert, ist die Freude meist groß, und man setzt alles daran, dieses Pokémon ins eigene Team zu holen. Man könnte es so sehen: Freunde sind die Shinies der Menschheit. Sie sind wirklich, wirklich selten und man muss erst sehr viele Menschen kennenlernen, um sie zu finden.
Mir persönlich hilft dieser Gedanke sehr dabei, gefühlte Realitäten besser einzuordnen. Jede Bekanntschaft, die sich nicht zu einer Freundschaft weiterentwickelt oder sich irgendwann auseinanderlebt, trägt auch Enttäuschung in sich. Diese Enttäuschung lässt sich leichter verarbeiten, wenn man sich vor Augen hält, wie unwahrscheinlich Freundschaften tatsächlich sind. Gleichzeitig eröffnet mir diese Perspektive die Möglichkeit, Bekanntschaften als etwas sehr Wertvolles zu begreifen; auch dann, wenn der Intimitätsgrad einer Freundschaft nie erreicht wird.
Vielleicht wäre es deshalb sinnvoller, den Fokus weniger stark auf das Finden von Freunden zu legen und stattdessen auf das Finden und Pflegen guter Bekanntschaften. Genau hier liegt für viele Autisten jedoch bereits eine große Herausforderung.
Bekanntschaften entstehen oft in Kontexten, die sensorisch und sozial sehr fordernd sind: Menschengruppen, Veranstaltungen, Vereine, Treffen in lauter oder unübersichtlicher Umgebung. Allein die Präsenz in solchen Situationen kostet häufig viel Energie. Hinzu kommt, dass Kontakte nicht nur entstehen, sondern auch aufrechterhalten werden wollen. Genau daran scheitert es oft, doch nicht aus mangelndem Interesse, sondern aus Überlastung, Energiemangel oder organisatorischen Schwierigkeiten.
Dabei können die Schwierigkeiten in sehr unterschiedliche Richtungen gehen. Auf der einen Seite steht das Problem, den Kontakt nicht regelmäßig halten zu können. Nachrichten bleiben liegen, Treffen müssen kurzfristig abgesagt werden, Wochen oder Monate vergehen ohne Lebenszeichen, weil schlicht keine Kapazität mehr da ist.
Auf der anderen Seite gibt es das gegenteilige Extrem: die Angst, das Gegenüber mit der eigenen Präsenz oder Kontaktaufnahme zu überfordern. Wenn man einmal Energie hat, meldet man sich vielleicht sehr häufig, intensiv und direkt und merkt erst im Nachhinein, dass das für andere zu viel gewesen sein könnte. Zwischen diesen beiden Polen eine „angemessene“ Mitte zu finden, ist schwierig und oft von Unsicherheit begleitet.
All das macht deutlich: Schon das Finden und Halten von Bekanntschaften ist kein Selbstläufer. Und dennoch wird oft so getan, als sei Freundschaft das eigentliche Ziel, an dem man sich messen lassen müsse.
Dabei sind sowohl die persönlichen Ansprüche an Freundschaft als auch das Bedürfnis nach ihr extrem individuell ausgeprägt. Es gibt Menschen, die bewusst keine Freundschaften eingehen und diese ablehnen, sobald Erwartungen nach häufigeren Treffen oder einer engeren emotionalen Bindung entstehen. Das kann auf andere hart wirken und wird aus professioneller Perspektive mitunter sogar als ungesund eingeordnet. Für die Betroffenen selbst ist diese Haltung jedoch stimmig und passend zu ihren Lebensrealitäten.
Diese Haltung ist nicht Ausdruck von Ablehnung gegenüber anderen, sondern lässt Raum für freundliche, wohlwollende Begegnungen. Was gemieden wird, ist die tiefe emotionale Bindung, die mit klassischen Freundschaften häufig einhergeht. Diese wird als anstrengend, einengend und mit unausgesprochenen Verpflichtungen verbunden erlebt, für die keine ausreichenden Ressourcen vorhanden sind. Stattdessen stehen Bedürfnisse wie Freiheit, Unabhängigkeit und ein gutes Verhältnis zu sich selbst im Vordergrund. Soziale Energie fließt gezielt in enge familiäre Beziehungen, während darüber hinaus gerne Zeit allein verbracht, die Natur aufgesucht oder ehrenamtliches Engagement wahrgenommen wird.
Diese Perspektive stellt verbreitete Annahmen über Freundschaft infrage. Oft wird vermittelt, dass Menschen ohne Freunde unbeliebt seien und dass Unbeliebtheit zwangsläufig zu Ausgrenzung oder Mobbing führe. Daraus entsteht der Druck, Freundschaften um jeden Preis eingehen zu müssen. In der Realität zeigt sich jedoch nicht selten, dass genau solche erzwungenen oder unpassenden Freundschaften schmerzhaft sein können und mehr Schaden anrichten als das bewusste Verzichten auf enge Bindungen.
Nicht jeder Mensch verspürt von sich aus ein starkes Bedürfnis nach enger Freundschaft. Das kann durch biografische Erfahrungen geprägt sein oder schlicht Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Die Haltung, keine Freundschaften zu brauchen, wohl aber respektvolle, wohlwollende Begegnungen mit anderen Menschen, ist ebenso legitim wie das Bedürfnis nach vielen engen sozialen Bindungen. Keine dieser Ausprägungen macht einen Menschen besser oder schlechter als einen anderen.
Vielleicht geht es am Ende also gar nicht darum, Freunde zu finden. Vielleicht geht es darum, realistische Erwartungen an Beziehungen zu entwickeln, die eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und anzuerkennen, dass soziale Nähe viele Formen haben kann. Und dass auch ein gutes, ehrliches Miteinander auf Abstand seinen ganz eigenen Wert besitzt.


