Autismus und Berufswahl: Zum Softwaretester geboren?

„Du bist Autist? Oh, dann bist du sicher gut in Mathe!“

Ja, das bin ich tatsächlich. Aber wie kommt man auf diese Frage? Warum sollte das zusammenhängen? Und tut es das überhaupt?

Dass Autisten „gut in Mathe“ sind, ist ein weit verbreiteter Gedanke, der vor allem durch den Film Rain Man geprägt wurde, und sich seitdem hartnäckig hält. Autismus – das ist logisches und analytisches Denken, hohe Detailorientierung, Mustererkennung und Hyperfokus. Zumindest wird es oft so gesehen, vor allem im Kontext wirtschaftlicher Interessen.

Meine mathematischen Fähigkeiten mit Autismus in einen kausalen Zusammenhang zu bringen, ist gleich mehrfach problematisch. Zum einen wird so ein unfaires Bild von Autismus gezeichnet, denn bei weitem nicht alle Autisten sind „gut in Mathe“. Mathematische Fähigkeiten sind für die Diagnostik völlig irrelevant. Entsprechend wird man immer Autisten finden, die gut in Mathe sind und solche, die es eben nicht sind. Zum anderen zeichnet diese Verbindung aber auch ein unfaires Bild von mir, denn es impliziert, dass ich meine mathematischen Fähigkeiten meinem Autismus „verdanke“ und lässt außen vor, dass manchen Menschen Mathe vielleicht auch einfach nur liegen könnte – völlig ohne Pathologisierung.

Als Gesprächseinstieg mag diese Frage noch als etwas ungeschickt durchgehen, doch hat dieses Denken inzwischen auch in unserer Wirtschaft Fuß gefasst. Gehen Autisten zur Berufsberatung, haben sie eine sehr hohe Chance, eine Empfehlung für den MINT-Bereich zu erhalten. Also für den Bereich, der klassisch mit „gut in Mathe“ in Verbindung gebracht wird.

Diese Empfehlung geht so weit, dass manche Firmen sogar gezielt nach Autisten für diesen Bereich suchen. Firmen wie Google, SAP, Microsoft und ähnliche Größen haben Programme gestartet, die speziell Autisten anstellen. Auticon basiert sogar auf dem Modell, Autisten zu beschäftigen – zum Beispiel für Softwaretests. Es gibt zwar auch vereinzelt Programme, die nicht im Bereich Technik und Zahlen angesiedelt sind. Öffentlich sichtbar sind jedoch vor allem Programme im MINT-Bereich.

Das sieht zunächst doch einmal recht gut aus. Autisten haben häufig Schwierigkeiten im Berufsleben. Stellen, die gezielt auf ihre Bedürfnisse abgestimmt sind, sollten doch eine große Bereicherung sein. Und es ist sehr lobenswert, dass gerade Firmen wie Google und andere Größen hier ihre soziale Ader entdeckt haben.

Doch vielleicht lohnt es sich hier, genau hinzuschauen. Wer hat denn hier den tatsächlichen Nutzen? Werden hier wirklich Autisten gefördert – oder werden spezifische Fähigkeiten als für Firmen vorteilhaft eingestuft und entsprechend das Potenzial genutzt? Und wie verändert sich die Berufswelt durch diesen Blick, gerade für die Autisten, die dem Klischee nicht entsprechen?

Analytisches Denken und Detailorientiertheit sind zwar wichtige Wesenszüge eines Menschen, aber sie machen noch lange nicht die ganze Person aus. Die wenigsten Menschen wählen ihren Beruf rein nach Wesenszügen aus, sondern orientieren sich an ihren Interessen und Erfahrungen. Eine Empfehlung aufgrund von Autismus reduziert den Menschen auf potentielle spezifische Leistungsfähigkeit, während seine persönlichen Neigungen und Interessen ignoriert werden.

Grundfähigkeiten wie analytisches Denken und Detailorientierung sind dabei keine speziellen Talente, die nur in einem bestimmten Berufsfeld von Nutzen sind. Sie können in nahezu jedem Beruf Anwendung finden. Ob man nun Programme testet, Artikel schreibt oder künstlerisch tätig wird: Dieselben kognitiven Fähigkeiten können zu völlig unterschiedlichen und doch gleichwertigen Ergebnissen führen. Auf diese Weise werden Fähigkeiten zum persönlichen Gewinn – nicht zum wirtschaftlichen Nutzen.

Es ist durchaus positiv, dass immer mehr Arbeitsplätze speziell für Autisten geschaffen werden und es gibt durchaus Autisten, die im MINT-Bereich sehr glücklich sind, da sich ihre Interessen mit diesem Bereich decken. Wichtig ist jedoch, wie diese Angebote wahrgenommen werden. Firmen verfolgen immer auch wirtschaftliche Interessen, die nicht außer Acht gelassen werden dürfen. Es entsteht jedoch gerade ein gesellschaftliches Bild, dass Autisten nahezu „prädestiniert“ sind für technische Berufe, besonders für Tätigkeiten wie Softwaretests, während andere Bereiche kaum positive Erwähnung finden.

Wenn Berufsberatung oder Unternehmen stark auf den MINT-Bereich drängen, entsteht nicht nur ein sachlicher Vorschlag, sondern oft auch ein sozialer Druck, dem viele Betroffene schwer entkommen können. Das Bild von Autisten als besonders geeignet für mathematische und technische Berufe hat sich so stark verfestigt, dass diese Richtung oft als offensichtlicher Weg gesehen wird. Gerade für junge Autisten, die möglicherweise Schwierigkeiten haben, ihre eigenen Wünsche und Entscheidungen klar auszudrücken, kann dies zu Situationen führen, in denen die Erwartungshaltung der Gesellschaft oder des Umfelds schwer zu ignorieren ist. Oft fällt es ihnen schwer, gegen solche Empfehlungen „Nein“ zu sagen, da die Vorstellung, dass ein „passender“ Beruf aus einer bestimmten Nische kommen muss, zu tief verwurzelt ist.

In einen Beruf gedrängt zu werden, führt nur selten zu langfristigem Erfolg oder persönlicher Zufriedenheit. Wenn das Interesse am Beruf fehlt und lediglich die Erwartungen der Außenwelt erfüllt werden, steigt das Risiko von Erschöpfung und Burnout enorm.

In einer solchen Situation geht es weniger um echte Förderung und Unterstützung, sondern um die Ausnutzung bestimmter Fähigkeiten für den kurzfristigen Nutzen von Unternehmen oder Institutionen. Eine echte Förderung sollte darauf abzielen, die Autonomie der betroffenen Person zu stärken und ihre individuellen Interessen und Potenziale zu entwickeln.

Kurzfristig mag ein Unternehmen durch eine gezielte Einstellung von Autisten in den MINT-Bereich profitieren, etwa durch erhöhte Produktivität oder höhere Qualität in bestimmten Bereichen wie eben Softwaretests oder Datenanalyse. Doch langfristig zahlen Betroffene oft den Preis. Das Fehlen einer intrinsischen Motivation kann dazu führen, dass sie in ihrer Arbeit emotional erschöpfen und ihre Lebensqualität leidet. Der Wert einer Person in der Arbeitswelt sollte jedoch nicht allein an ihrer Produktivität oder an den Erwartungen von Unternehmen gemessen werden.

Vielleicht ist es an der Zeit, bei der Berufswahl nicht zu fragen „Wofür bin ich geeignet?“ sondern „Was entspricht meinen Bedürfnissen, Neigungen und Interessen?“ Nicht wir müssen für einen Beruf geeignet sein – der Beruf muss zu uns passen. Und dafür sind nicht unsere grundlegenden Begabungen entscheidend, sondern unser Interesse und ein Umfeld, das uns branchenübergreifend so akzeptiert und annimmt, wie wir sind. Denn wir verdienen es, nicht nur als wirtschaftliches Potential, sondern als eigenständige Menschen gesehen zu werden.

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