Wie jedes Jahr ist es so weit:
Die Tage sind so kurz geworden,
ach, was fühlt man sich geborgen
bei Kerzenschein und Heiterkeit.

Es ist so kalt, man will nicht raus,
drum wird geschwind noch was gebacken
mit Zimt, Piment und solchen Sachen.
Zu duften hat jetzt jedes Haus.

Zu tun ist doch noch allerlei,
und überall Erwartungstöne,
„Mach mit, hab Spaß!“ – die gleiche Krone,
als wär das alles nebenbei.

Die Zeit, sie rennt und rennt von dannen,
bald schon ist sie weggeschwunden,
zu laut, zu hell in allen Stunden;
ach je, wie sehr fühl ich mein Bangen!

Muss ich denn immer fröhlich sein,
darf die Geschenke nicht vergessen,
und alles muss zusammenpassen;
ach, was ist das für eine Pein!

Ich kann und will das kaum noch schaffen,
das ist zu viel – was soll ich tun?
Ich kreise nur, wie wild im Tun,
bis Sorgen mich von innen straffen.

Ein jeder will etwas von mir:
soll backen, putzen, schmücken, lachen
und allen eine Freude machen.
Ich frag: Wo bleib ich selbst denn hier?

Ich backe, putze, schmücke, lache,
doch trage ich dabei die Maske.
Die Stimme still, die Welt zu grell;
und langsam wird es wirklich schwach.

Ich wünsche mir tief in mir drinnen
ein Fest, das leise mit mir spricht,
ein Weihnachten voll warmem Licht,
in dem ich echt sein darf von innen.

Advent zwischen Erwartungen und Maskieren

Weihnachten gilt als Fest der Freude. Und Freude soll sichtbar sein. Trotz organisatorischem Trubel, trotz des erhöhten Aufkommens an sozialen Verpflichtungen und dem zusätzlichen Stress von Silvester und Jahreswechsel herrschen gerade im Advent hohe Erwartungen im sozialen Bereich: Weihnachtsfeiern, Weihnachtsmarktbesuche, Familientreffen an Heiligabend und den Feiertagen. Es wird vorausgesetzt, dass man „funktioniert“.

Für viele Autisten bedeutet das eine enorme Belastung. Gerade in einer Zeit, die angeblich von Nähe und Wärme geprägt ist, zwingt der soziale Druck viele dazu, vermehrt eine Maske aufzusetzen, die ihre wahren Bedürfnisse hinter einer Fassade festlicher Fröhlichkeit verbirgt.

Weihnachtsfeiern im beruflichen Umfeld können leicht zur Quelle großer Verunsicherung werden. Gelockerte soziale Regeln und ungewohnte Ansprachen wenn etwa der Chef nur für diesen einen Abend geduzt werden soll schaffen Situationen, die für manche spielerisch wirken, für viele Autisten jedoch ein dichtes Geflecht sozialer Fallstricke bilden. Auch der Besuch auf dem Weihnachtsmarkt stellt häufig eine Herausforderung dar: Lautstärke, Gedränge, grelle Lichter und wechselnde Gerüche führen schnell zu sensorischer Überreizung, obwohl die Teilnahme gesellschaftlich oft erwartet wird.

Selbst der Familienbesuch kann gerade auch im eigenen Zuhause, das eigentlich als sicherer Rückzugsort dient, zu einer erheblichen Belastung werden. Vertraute Strukturen werden durchbrochen und gewohnte Abläufe überlagert.

Über all dem schwebt die unausgesprochene Erwartung, fröhlich und ausgelassen zu sein, unabhängig davon, wie groß die innere Anstrengung tatsächlich ist. Durch diese „weihnachtliche Maske“, die die inneren Bedürfnisse überdeckt, entsteht ein Druck, der die Adventszeit für viele Autisten zu einem Labyrinth aus Erwartungen und sozialen Stolperfallen macht. Einem Labyrinth, dem man sich kaum entziehen kann.

Ein authentisches Weihnachten beginnt dort, wo die eigenen Bedürfnisse wahrgenommen werden dürfen. Unterschiedliche Menschen haben unterschiedliche Vorstellungen davon, was ihnen in dieser Zeit gut tut. Für manche bieten feste Bräuche und Rituale Halt und Sicherheit, für andere wirken sie wie ein enges Korsett, das zusätzlichen Druck erzeugt. Während einige an Weihnachtsfeiern Freude finden und dort Energie schöpfen, benötigen andere im Anschluss Tage der Erholung, um die Reizfülle zu verarbeiten.

Es lohnt sich zu fragen, welche Form des Feierns tatsächlich Kraft gibt. Muss die Familie wirklich ins eigene Zuhause eingeladen werden? Können Treffen verkürzt, verlagert oder auf mehrere kleinere Begegnungen aufgeteilt werden? Darf ein Fest leiser, kleiner oder ganz anders aussehen, als es die gesellschaftlichen Vorstellungen vorgeben?

Wege zu einem besinnlichen Weihnachten können darin bestehen, den äußeren Erwartungen eine innere Klarheit entgegenzustellen: zu erkennen, was möglich und was zu viel ist, und Grenzen freundlich, aber bestimmt zu kommunizieren. So entsteht Raum für eine Feier, die den eigenen Bedürfnissen gerecht wird und dennoch Verbindung zu den Menschen ermöglicht, die einem wichtig sind.

Möge Weihnachten ein Fest sein, das Echtheit erlaubt; ein Fest, an dem keine Maske nötig ist und Wärme nicht gespielt, sondern wirklich gespürt werden kann.

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