Selbstwirksamkeit im Spektrum

Es ist spät am Abend, der Kühlschrank ist leer und alle Geschäfte haben zu. Die Pizzeria hat aber noch offen und sie liefern auch. Es gibt nur ein Problem: Ich muss telefonieren. Und darin bin ich wirklich, wirklich schlecht. Ich weiß einfach nicht, was ich sagen soll, wenn sich die Dame, die meist das Telefon bedient, meldet. Sage ich meinen Namen? Das ist höflich. Aber es bringt ihr nichts, sie kennt mich nicht und hat keine Ahnung, was ich von ihr will. „Hallo, ich will Pizza bestellen“ würde meine Absicht klar zeigen, aber ist das eventuell nicht zu direkt? Und dann möchte mein Mann auch noch Pizza Mista! Ich kann diesen Namen einfach nicht aussprechen. Meist sage ich Pista Mizza. Und je mehr ich mich konzentriere, desto schlimmer wird es! Wir haben inzwischen eine feste Nummer, unter der uns die Pizzeria zuordnen kann. War das hinten die sechs oder die zwei? Was, wenn ich mich verspreche und die Pista Mizza drei Straßen weiter verzweifelt nach uns suchen muss?

Alleine der Gedanke an dieses Telefonat bringt mich dazu, die Notwendigkeit des Abendessens ernsthaft zu überdenken, denn morgen früh gibt es ja ganz sicher Toastbrot. Das ist die Lösung! Ich muss nicht telefonieren, wenn ich einfach nicht zu Abend esse!

Aber ich habe Hunger. So geht das nicht. Ja, telefonieren macht mir Angst – sehr sogar. Aber ich weiß auch: Ich habe es schon getan. Ich kann es. Ich kann die Nummer wählen und Essen bestellen. Es hat schon früher funktioniert. Und wenn ich mich verspreche, kann ich es nochmals versuchen.

Ich atme tief durch. „Ich schaffe das“, sage ich mir, während ich auf meinem Handy die Kurzwahl drücke. Es klingelt. Und zwei Minuten später ist es geschafft. Ich habe es geschafft. In einer Viertelstunde werden wir essen können. Ich bin erleichtert.

„Ich kann das und ich schaffe es!“

Dieser Gedanke ist Selbstwirksamkeit. Das Konzept stammt vom kanadischen Psychologen Albert Bandura, der im Rahmen seiner Forschung zur sozialkognitiven Lerntheorie die Selbstwirksamkeitserwartung – kurz SWE – beschrieben hat. Die SWE bezeichnet die innere Überzeugung, eine bestimmte Aufgabe aus eigener Kraft bewältigen zu können. Dabei geht es nicht darum, etwas perfekt zu können und das auch zu wissen. Es geht darum, sich etwas überhaupt erst zuzutrauen.

Doch wie entsteht Selbstwirksamkeit eigentlich? Bandura beschreibt vier Quellen, aus denen sich Selbstwirksamkeit speist:

  • Eigene positive Erfahrungen zeigen, dass man über die Fähigkeiten verfügt, eine Aufgabe zu erfüllen.
  • Man sieht, wie andere Menschen Aufgaben erfüllen und fasst daraus Mut. Die Erkenntnis: Die Aufgabe ist zumindest hypothetisch machbar.
  • Andere signalisieren von außen, dass sie einem die Aufgabe zutrauen.
  • Der emotionale Zustand kann einen großen Unterschied darin machen, ob man sich fähig fühlt oder blockiert.

Gerade viele Menschen im Autismus-Spektrum, besonders jene, die erst im Erwachsenenalter eine Diagnose erhalten, haben nicht viele dieser positiven Erfahrungen sammeln können. Oft lag der Fokus der Umwelt eher auf dem, was vermeintlich schwierig war oder „anders”. Und wenn Bestätigung selten ist, fällt es verständlicherweise schwerer, ein stabiles „Ich kann das“ in sich zu entwickeln. Doch Selbstwirksamkeit ist keine feste Konstante. Sie kann sich entwickeln und wachsen. Sie kann neu entstehen und das sogar an Stellen, an denen man sie lange nicht vermutet hätte.

Für viele Autisten beginnt bewusste Selbstwirksamkeit dabei bei ganz alltäglichen Dingen: einkaufen gehen, telefonieren, Behördengänge, Fahrkartenautomaten bedienen, unerwartete Veränderungen, soziale Situationen oder einfach nur jemanden ansprechen und um Hilfe bitten. Dinge, die für andere selbstverständlich wirken, bedeuten für viele Betroffene Vorbereitung, inneren Stress oder die Sorge, etwas „falsch“ zu machen. Jede dieser Situationen kann dabei entweder eine neue positive Erfahrung hervorbringen oder eine Blockade verstärken.

Selbstwirksamkeit ist für sich genommen keine Lösung, aber sie kann ein hilfreicher Ansatz sein. Sie ersetzt keine Therapie und keine Unterstützung. Aber sie kann in Krisen einen kleinen inneren Impuls freisetzen, der hilft, Blockaden ein Stück weit zu lösen.

Beim Telefonieren war ich in einer Gedankenspirale gefangen. Je mehr ich über jedes Detail nachdachte, desto größer wurde die Blockade. Die eigentliche Lösung war letztlich das Telefonat selbst. Aber möglich wurde es erst durch die bewusste Entscheidung: Ich traue mir das zu. Ich kann das. Dieser kleine Moment des Vertrauens in mich selbst hat mir den Anstoß gegeben, die Situation zu bewältigen. Ich habe eine positive Erfahrung gemacht, die mir beim nächsten Mal wieder zur Verfügung steht.

Natürlich funktioniert das nicht immer. Es gibt Krisen und Situationen, in denen ein innerer Impuls nicht reicht. Fähigkeiten und Grenzen sind individuell. Das, was für den einen ein kleiner Schritt ist, kann für jemand anderen eine kaum überwindbare Hürde darstellen. Selbstwirksamkeit bedeutet also nicht, alles alleine schaffen zu müssen oder zu sollen. Sie bedeutet nur, zu erkennen, welche Schritte in einem selbst möglich sind.

Und dennoch lohnt es sich sehr, sich bewusst damit auseinanderzusetzen, was man kann. Und das ist vielleicht sogar mehr, als man selbst glaubt. Sich selbst etwas zuzutrauen heißt nicht, blind ins Ungewisse zu springen, sondern die eigenen Fähigkeiten ernst zu nehmen. Selbstwirksamkeit kann Mut machen, eigene Wege zu gehen, neue Erfahrungen zu sammeln und sich Stück für Stück ein Leben zu gestalten, das zu einem passt. Jede kleine bewältigte Situation kann ein Baustein sein, der schließlich zur Überzeugung führt:  

„Ich kann das.“

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